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Erinnern an ein Tabuthema

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Von: Andreas Hartmann

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Die Demenzwochen in Dreieich sollen Betroffenen und Angehörigen Mut machen.

Die Demenzwochen in Dreieich sollen Betroffenen und Angehörigen Mut machen.

Demenz ist ein Tabuthema, und wenn überhaupt darüber geredet wird, dann sind es oft billige Witzchen, die das Vergessen thematisieren. Die Krankheit ist mit Angst behaftet, und sie bedroht in einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden. „Es ist beängstigend“, gibt auch Dreieichs Bürgermeister Dieter Zimmer (SPD) zu. „Ich kann das aus eigener Erfahrung sagen, wie schwierig es ist, wenn sich geliebte Menschen langsam entfernen.“

Über Demenz spricht man nicht, heißt es – und doch versucht Dreieich in den kommenden Wochen genau das. Von kommendem Montag an veranstalten Kirchen, Pflegeeinrichtungen und die Stadt die „Demenzwochen Dreieich“, die sich dem großen Themenkomplex, der die Krankheit umgibt, von vielen verschiedenen Seiten nähern will. „Es ist uns gelungen, alle Einrichtungen in der Stadt, die mit Demenz befasst sind, zu beteiligen“, sagt Organisatorin Martina Geßner vom Diakonischen Werk.

Für die Eröffnung am kommenden Montagabend um 18.30 Uhr im Viktoria-Kino in Sprendlingen haben sich die Veranstalter vom „Demenzforum Dreieich“ etwas Außergewöhnliches ausgedacht. Seit Mai probt ein Chor mit dementen und nicht dementen Sängern im Kursana-Haus, der nun erstmals auftritt. „Wir haben den Chor zwar als Experiment begonnen“, sagt Geßner, „aber die Krankheit ist überhaupt nicht wichtig. Es ist ein gutes Programm. Sie werden nicht hören, wer von außen kommt“, verspricht sie. „Ich wünsche mir jedenfalls, dass der Chor so gut ist, dass er keinen nur pädagogischen Applaus erhält.“

Im Anschluss an die Eröffnungsfeier läuft der im vergangenen Jahr entstandene Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht“, den der junge Regisseur David Sieverking über seine an Alzheimer erkrankte Mutter gedreht hat – ein Tabubruch, der eigentlich keiner sein sollte: Allein in Dreieich mit seinen knapp 40 000 Einwohnern leben zurzeit rund 600 Menschen, die an einer mittelschweren bis schweren Demenz erkrankt sind. Die Gesamtzahl ist vermutlich doppelt so hoch. In jeder dritten Familie lebe ein Demenzkranker, schätzt Zimmer.

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