Ein Hingucker: Franz Dietrich Klinger führte zur Eröffnung das englische Hochrad von 1886 im Originalzustand vor.

Dietzenbach

Von der Holzdraisine zur Rikscha

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Eine Ausstellung im Dietzenbacher Heimatmuseum zeigt Fahrradformen aus 200 Jahren Radgeschichte.

Zwei, drei Schritte Anlauf braucht Franz Dietrich Klingler und schon schwingt er sich in knapp 1,50 Meter Höhe auf sein Hochrad und kann damit ein paar Runden drehen. Ein winziger Metallbügel am hinteren Rahmen dient als Aufstieghilfe. „Eine Leiter muss ich also nicht dabei haben, um hoch zu kommen“, sagt der 65-Jährige und lacht.

Das Hochrad der englischen Firma Matchless von 1886 im Originalzustand ist einer der Hingucker der am Freitag eröffneten Ausstellung „Fahrradformen der letzten 200 Jahre“ im Dietzenbacher Heimatmuseum. Thomas Knecht hat die Sonderschau organisiert und zusammen mit Klingler sowie weiteren Sammlern besondere Räder zusammengetragen.

„Das Hochrad habe ich vor Jahren gegen ein Motorrad getauscht“, sagt Klingler, „inzwischen wollen es viele haben - ein unrestauriertes Original ist sehr selten.“ Aus seiner umfangreichen Sammlung hat er unter anderem einen Nachbau der Holzdraisine, des ersten „Laufrads“ überhaupt, beigesteuert, ein Sicherheitsniederrad von 1888 oder ein Drei-Gang-Rad von Adler samt Kinder-Seitenwagen.

Die Ausstellung

„Fahrradformen der letzten 200 Jahre“ ist noch bis 19. Mai im Museum für Heimatkunde und Geschichte Dietzenbach, Darmstädter Straße 7-11, zu sehen. Der Museumseintritt beträgt drei Euro, ermäßigt zwei Euro.

Zwei Vorträge  gibt es begleitend zur Ausstellung: Am 5. Mai gibt es ab 15.30 Uhr einen Vortrag zu Verkehrssicherheit mit dem Rad und am 19. Mai ab 15.15 Uhr wird die Geschichte des Fahrrads behandelt.

Das Museum  hat montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet. som

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Ohne Pedale musste noch das 1817 von Karl Drais, Freiherr von Sauerbronn, konstruierte Laufrad auskommen. „Und doch fuhr Drais damit von Darmstadt nach Frankfurt“, sagt Knecht. Heutigen Fahrkomfort, fügt er hinzu, dürfe man aber nicht erwarten. Auch das Tretkurbelrad aus Klinglers Sammlung von 1868 mit hölzernen Rädern schaut für heutige Ansprüche unbequem aus. Ganz anders die Rikscha aus Indien, die Knecht über den ehemaligen Vorsitzenden des Seligenstädter Traktorenvereins bekommen hat. Bunt bemalt gehört sie zu den Hinguckern in der Ausstellung. Ebenso wie das „Alleweder A2“, ein Rad aus einem Bausatz: Wie ein gelber Rennwagen wirkt es von außen, nur statt eines Motors ist Muskelkraft gefragt. Das Blech für die Verkleidung musste selbst geschnitten werden.

„Vor einigen Jahren haben Fahrräder noch ein Schattendasein geführt, nun haben sie einen Aufschwung im Straßenverkehr erlebt“, sagt Hans-Erich Scholze vom Heimatverein. Daher sei es nur folgerichtig, dass sich auch die Museen mit der Geschichte des Rades beschäftigen müssten.

Auch mit der Geschichte der Motorisierung: Lange vor dem Elektrofahrrad wurde schon mit Hilfsantrieben experimentiert, wie die Ausstellung zeigt. So 1953, als ein Rad mit einem Ein-PS-Rex-Motor ausgestattet wurde. „Die Velosolex von 1969 mit 0,56 PS fährt immer noch“, sagt Knecht, „allerdings ist der Motor lauter als bei einem Motorrad.“

Seit 2002 sammelt Knecht, der regelmäßig im Museum Sonderausstellungen organisiert, Fahrräder. Inzwischen haben 83 Räder bei ihm ein Zuhause gefunden. Darunter ein Herkules 2000-Unisex-Rad, von dem lediglich 500 Stück gefertigt wurden, oder ein Bäcker-Lastenrad. „Lastenräder sind inzwischen auch wieder im Kommen“, sagt er.

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