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Rettungsschwimmer Philipp Kießler auf dem Nieder-Röder See.

Nieder-Röder See

Keine Zeit zum Flirten

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Baywatch ist doch nur 'ne Fernsehserie: Für die Rettungsschwimmer von Nieder-Roden ist die Konzentration wichtiger als das Aussehen. Christoph Manus war bei ihnen am Baggersee.

Wolken hängen über dem See, ganz hinten zieht ein Schwimmer die Bojen entlang seine Bahn, auf der Liegewiese ist noch jede Menge Platz. Die großen Hitze ist vorüber. „Das ist ganz angenehm, mal bisschen piano“, sagt Philipp Kießler.

An heißen Tagen wie in der vergangenen Woche besuchten über 8000 Gäste das Nieder-Röder Strandbad. An solchen Tagen ist viel zu tun für die Männer und Frauen, die achtgeben, dass der Badespaß kein böses Ende nimmt. Von der Rettungsstation und drei Außenposten beobachten die hauptamtlichen Schwimmmeister und die Helfer der DLRG die Wasserfläche, jeder hat einen Abschnitt im Blick.

„So lange nichts passiert, ist das relativ unspannend“, sagt der Dudenhöfer, der bereits zehn Badesaisons erlebt hat. Verantwortungsbewusstsein ist nur der eine Grund für sein Engagement. „Die Gemeinschaft ist eine tolle Sache“, schwärmt er. Viele der anderen Retter kennt er seit Jahren.

Abends fährt der Operator beim Frankfurter Societätsverlag zur Nachtschicht, nachmittags ist er für eine Aufwandsentschädigung von 5,50 Euro pro Stunde am See und schaut aufs Wasser. Rechts stehen die Förderanlagen des Unternehmens Weiss, links ragen Wohnblocks über die Bäume. „Es ist nicht so einfach, voll konzentriert zu bleiben“, sagt der 25-Jährige.

Wenn etwas passiert, muss es rasend schnell gehen. In anderthalb bis drei Minuten sind die Retter beim Ertrinkenden, schätzt Kießler – kraulend oder mit dem Boot. Er steuert es, hilft, den Schwimmer an Bord zu hieven.

Der See ist kein leichtes Revier. Unter Wasser erschwert Sand den Blick. Die Sichttiefe beträgt weniger als 90 Zentimeter. Das Gewässer ist an einer Stelle fast 30 Meter tief. Manche wollen ans andere Ufer schwimmen – und merken in der Mitte, sie schaffen es nicht. Erst am Mittwoch hatte eine Frau im Wasser einen Krampf. Immer mal passiert auch etwas an den Pontons, erzählt Kießler, etwa beim Springen ins Wasser. Gefährlich werde es zudem, wenn Alkohol im Spiel ist. Dass Angetrunkene ins Wasser gehen, können die vier Hauptamtlichen und bis zu 16 Helfer von der DLRG nicht verhindern. „Aber mit Bierkiste kommt keiner rein“, sagt Peter Ruckelshausen, seit 36 Jahren Schwimmmeister im Strandbad.

2005 ist zuletzt ein Badegast tödlich verunglückt, ein Mann mit Herzproblemen. Seitdem, „toi, toi, toi“ nicht, sagt der kräftige Mann. „Wenn etwas Schlimmes passiert, macht man sich schon Vorwürfe.“ Letztlich aber sei es Schicksal. Sie könnten nicht alles verhindern. „Sie wissen doch nicht, was die Gäste für Gebrechen haben, Kreislauf, Herz, Stoffwechselerkrankungen“, sagt der 63-Jährige.

Auch Kießler musste schon zwei Todesfälle miterleben, „zum Glück nicht hautnah“, sagt er. „Am schlimmsten ist der Zeitpunkt, an dem Sie nichts mehr tun können. Dann kommen die Taucher.“ Psychisch stabil müssen die Retter daher sein, sagt Ruckelshausen, und von hoher Auffassungsgabe. Auch wenn man länger auf den See schaut – „die Anspannung muss immer da sein“.

Der Vergleich mit den Rettern von Malibu um David Hasselhoff aus der TV-Serie Baywatch passt Ruckelshausen gar nicht. „Wir sind nicht Hollywood.“ Aufs Aussehen komme es nicht an. Es gebe den einen oder anderen Adonis, aber auch zierliche und kräftige Rettungsschwimmer. Entscheidend sei die Ausbildung, die alle zwei Jahre aufgefrischt wird.

Es hat zu tröpfeln angefangen, Kießler ist mit dem Boot rausgefahren. Werden die Rettungsschwimmer umschwärmt von den Badegästen? Iwo, meint Kießler. „Wir sind keine Superhelden.“ Die Aufsicht sei zudem eine verantwortungsvolle Sache. Da bleibe keine Zeit zum Flirten.

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