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Ausländerbeirats-Vorsitzende Fatma Nur Kizilok.

Dreieich

Ein Brief an Erdogan

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Fatma Nur Kizilok erhält Zuspruch für Aktionen gegen türkische Staatspolitik. Nach einer Anzeige gegen den türkischen Staatspräsidenten Erdogan folgt nun ein offener Brief.

Erst die Anzeige gegen Erdogan, jetzt ein offener Brief an ihn. Fatma Nur Kizilok versucht alles, damit der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan es nicht schafft, bei dem Referendum zur Verfassungsreform im April die Türkei zur Diktatur umzubauen. Am Montag war die Frau aus Dreieich sogar in den Tagesthemen zu sehen und erklärte, dass sie die Hetze Erdogans gegen Deutschland unerträglich finde.

In ihrem Brief an ihn geht sie noch ein Stück weiter. „Guten Abend, Herr Erdogan, ich bin die Frau, die gegen Sie wegen Volksverhetzung und kollektiver Beleidigung Strafanzeige erstattet hat“, beginnt sie das Schreiben. Die Ausländerbeiratsvorsitzende hat den Text auf ihrer Facebook-Seite gepostet. Sie geht davon aus, dass Erdogan Leute hat, die diesen finden, ins Türkische übersetzen und dem Präsidenten übermitteln. Es ist kein freundlicher Brief.

„Eine Frau Merkel oder einen Herrn Gabriel, überhaupt die Demokraten zu beleidigen, ist begründet in Ihrer menschlich destruktiven Psyche“, schreibt sie unter anderem. Erdogans Strategie sei, die Rache zu legitimieren, um dann einen Dritten Weltkrieg anzuzetteln oder zumindest den sozialen Frieden in Deutschland zu gefährden. Damit wolle er die Bewunderung der islamischen Welt erreichen.

Bislang hat Fatma Nur Kizilok, die 1966 in der Türkei geboren wurde, seit 1974 in Deutschland lebt und inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, fast nur positive Reaktionen auf ihre Aktionen erhalten. Nur eine Person habe ihr den Tod gewünscht und eine andere gesagt, sie habe „verdorbenes Blut“, was für Türken so viel wie „Verräterin“ bedeuten soll, berichtet sie. „Mich trifft das nicht“, beteuert sie, sie wolle die Menschen aus der Manipulation herausholen. Die Politologin kämpft gegen das Machtstreben Erdogans mit den Waffen, die das Internet bietet. Der Brief an Erdogan wurde bis gestern 58 Mal geteilt.

Als junge Frau war Kizilok als Journalistin für die türkischen Zeitungen „Milliyet“, „Hürriyet“ und „Star“ tätig und sogar als Kriegsberichterstatterin in Jugoslawien. Als dort auf sie geschossen wurde und sie sich in einer scheinbar ausweglosen Lage befand, beschloss sie, das Abitur nachzuholen und zu studieren, falls sie überleben sollte.

Mit über 30 Jahren begann sie, Politik, Soziologie und Rechtsgeschichte zu studieren und schnitt mit sehr guten Zensuren ab. Sie arbeitete acht Jahre als Lehrbeauftragte am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und am Institut für psychoanalytische Sozialpsychologie an der Frankfurter Goethe-Universität, war im Schuldienst und später in der Flüchtlingsarbeit tätig. Seit 1993 lebt Kizilok, Mitglied in der CDU, in Dreieich und ist seit 2015 Vorsitzende des Ausländerbeirats.

 Auch in dieser Funktion beweist sie Mut. Im vergangenen Jahr lud sie ausgerechnet einen Vertreter der örtlichen AfD zur Diskussion ein, was dieser auch annahm. Inzwischen hat er ihr seine Hochachtung ausgedrückt. „Wir dürfen Menschen nicht stigmatisieren“, sagt sie, „wir sind doch alle Menschen mit Enttäuschungen und Schmerzen und müssen aufeinander zugehen.“ Auch auf die Anhänger Erdogans, das ist ihr ganz wichtig.

Inzwischen spürt Kizilok, dass die Aufklärungsarbeit Früchte trage. Einige Türken seien dabei, umzudenken, sagt sie. Die Türken, die der deutschen Gesellschaft aufgeschlossen gegenüber stünden, würden nun sehen, dass sich die Deutschen für sie interessieren und sich solidarisieren. Dass auch Deutsche Info-Material unter Türken verteilten und ein deutscher Fernsehsender die Verfassungsreform auf Türkisch erkläre, tue ihnen, die ansonsten unter Ablehnung litten, gut.

Gestern habe ihr eine deutsche Seniorin, die sie im Fernsehen erkannt habe, ihr Mitgefühl ausgesprochen. Fatma Nur Kizilok: „Wir müssen uns die Hände reichen.“

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