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Brutale Vergewaltigungen

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Von: Annette Schlegl

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Ein 28-Jähriger Dietzenbacher soll sich brutal an mehreren Frauen vergangen haben. Dem Mann droht nun Sicherheitsverwahrung.

Gefühlte 50 Mal muss sich die Vorsitzende Richterin Barbara Bunk diesen Satz anhören: „Ich kann mich nicht erinnern.“ Gebetsmühlenartig wiederholt der 28-jährige Dietzenbacher am Dienstag vor den drei Richtern und zwei Schöffen im Landgericht Darmstadt, dass die Erinnerung an die ihm vorgeworfenen Vergewaltigungen im März und im September vorigen Jahres wegen Alkohol- und Drogenkonsums nur nebulös vorhanden seien.

Dreimal soll er sich in Dietzenbach brutal an Frauen vergangen haben, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Taten, die, so zeigt sich am ersten Prozesstag, wohl am Ende einer Drogenkarriere stehen, die bereits mit 14 Jahren begann. „Verdacht der besonders schweren Vergewaltigung“, heißt es in der Anklageschrift. In Handschellen wird der schmächtige schwarzhaarige Angeklagte in den Gerichtssaal geführt. Als er von der Richterin zu seiner Lebensgeschichte befragt wird, erzählt er weinerlich von Alkohol, Drogen und Gelegenheitsjobs. Eine Berufsausbildung hat er nicht. Der Vater stirbt, als er fünf Jahre alt ist, die Mutter erzieht die insgesamt sechs Kinder alleine.

Mit 14 habe er gekifft, mit 17 sei er zum Alkohol gekommen, in den Jahren danach habe er auch Kokain und Amphetamine geschnupft, räumt er vor Gericht ein. Jahrelang täglich 20 bis 30 Euro für Gras und Haschisch, sechs bis sieben Bier pro Tag, flaschenweise Whisky, Wodka und Cognac, bis zur U-Haft auch mindestens dreimal wöchentlich Kokain und Speed, jeweils zwei gemischte Plomben mit je 0,8 Gramm. „Grenzenlos“ habe er Drogen genommen, sagt er, „so viel ich kriegen konnte.“

Auch an den Tattagen sei er alkoholisiert gewesen und habe unter Drogen gestanden, berichtet er der Richterin und räumt dann zwei Vergewaltigungen im September 2015 ein. In einem weiteren Fall, den er laut Anklageschrift zwischen 5. und 8. März 2015 begangen haben soll, sei es „freiwilliger Geschlechtsverkehr“ gewesen, erklärt er. In der Anklageschrift liest sich das nicht so. Dort heißt es, er habe der jungen Frau ein Küchenmesser an den Hals gehalten, ihr mit dem Umbringen gedroht und sie so zum Verkehr gezwungen.

„Das Mädchen kannte ich“, erklärt der 28-Jährige. Sie sei etwa ein Jahr lang sein Umgang gewesen, doch dann habe er das Interesse an ihr verloren, weil sie Kokain geschnupft habe und „sich auch mit anderen eingelassen hat“. Am Tattag habe das Mädchen nicht gewusst, wo es schlafen sollte. Deshalb habe er mit ihr bei einem Bekannten geklopft, man habe in dessen Wohnung zusammen „was geraucht und was getrunken“. Auf einer Matratze, die der Wohnungsbesitzer zur Verfügung stellte, sei es dann in der Nacht zum Beischlaf gekommen. Am nächsten Morgen sei er dann mit dem Mädchen zur Hintertür raus und jeder sei seiner Wege gegangen. Die Aufzeichnung einer dort angebrachten Kamera könne das beweisen.

Auch die Tat, die er am 17. September im Bereich des S-Bahnhofs Dietzenbach-Mitte verübt hat, hört sich bei ihm harmloser an als bei der Zeugin, die laut Anklageschrift sein zweites Opfer war. „Ich weiß, dass ich was mit ihr gehabt habe, aber ich weiß nicht mehr, was ich mit ihr gemacht habe“, sagte er vor Gericht. Er sei an dem Abend durch Alkohol und Drogen „total fix und fertig“ gewesen, konnte sich aber erinnern, dass sie geweint habe.

Die 56-Jährige, die öfter als Flaschen- und Pfanddosen-Sammlerin unterwegs war, gab vor Gericht an, der Angeklagte sei ihr gegen 0.45 Uhr in der S-Bahn-Unterführung an der Treppe zu den Gleisen aufgefallen. Als sie dann auf einen nahen Sandhügel ging, um dort nach Pfanddosen zu schauen, habe sie der Angeklagte von hinten angefallen, nach vorne umgestoßen und „Polizei“ gerufen. „Er hat mir die Arme nach hinten gedreht und den Hals zugedrückt“, erinnerte sich die Hausfrau. „Ich tu dir nichts, wenn du machst, was ich will“, habe er von sich gegeben. Dann sei sie zu zwei Zelten gedrückt worden, die hinter einem Gebüsch versteckt waren. In einem der Zelte habe sie der Dietzenbacher, der nach Alkohol roch, „aber ganz normal sprechen konnte“, erst zum Oral- und dann zum Vaginalverkehr gezwungen.

„Nach der Tat hat er gesagt, dass es ihm leid tut und ich ihn nicht anzeigen soll. Es sei ein Fehler gewesen“, erinnert sich die Zeugin. Sie trug blaue Flecken und Kratzer im Gesicht sowie Abschürfungen am Knie davon, leidet immer noch an den Spätfolgen der Vergewaltigung. Ein Tinnitus sei wieder ausgebrochen, sie könne kaum mehr schlafen, verlasse die Wohnung nicht mehr, gehe nur noch in Begleitung raus, gab sie zu Protokoll.

Laut Staatsanwalt hat der Sexualtäter nur acht Tage später an der Wohnungstür einer 81-Jährigen geklingelt, die er ebenfalls zu Boden warf. Er soll ihr ein Kissen auf den Mund gedrückt und sie zum Verkehr gezwungen haben. Der Angeklagte sah das anders: Er habe nicht geklingelt, die Seniorin habe ihm die Tür aufgesperrt, sei direkt ins Schlafzimmer gegangen und habe sich freiwillig aufs Bett gelegt. „Ich wollte eigentlich Geld, aber leider ist es zu etwas Anderem gekommen“, sagt er. Weil sie kein Deutsch sprach, habe er sich danach in Zeichensprache entschuldigt.

Dem 28-Jährigen droht Sicherheitsverwahrung. Auch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sei möglich, macht die Richterin klar. Für eine Therapie wäre er dankbar, sagt der Angeklagte. Schließlich sei er nun mit einer 22-Jährigen verlobt, wolle im Mai heiraten und dann eine Familie gründen. „Ich habe ihr alles erzählt, sie hat mir verziehen“, erzählt er. Sie besuche ihn in der JVA und habe ihm geschrieben. Das Urteil fällt am 15. April.

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