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Seit einem halben Jahrhundert Kult: das Autokino in Gravenbruch.

50 Jahre Kult in Gravenbruch

Ganz großes Kino

Knutschen unterm Dach? Oben ohne vorfahren? Oder doch besser Kultur pur ohne Fummelei auf dem Rücksitz genießen? Seit einem halben Jahrhundert genießen Filmfans im Autokino Gravenbruch Hollywood unter freiem Himmel. Von Petra Mies

Von Petra Mies

Knutschen unterm Dach? Oben ohne vorfahren? Oder doch besser Kultur pur ohne Fummelei auf dem Rücksitz genießen? An kaum einem anderen Ort ist das alles und mehr möglich. Wenn es dunkel wird, geht´s los. Ganz großes Kino, wahrlich. Du bist der Tonmeister, wenn erst einmal die richtige Frequenz im Radio eingestellt ist.

Laut, leise, geht alles. Du bist der Küchenchef. Kannst deinen mitgebrachten Kartoffelsalat an alle im Auto verfüttern oder einen der legendären Hamburger oder Cheeseburger mit der Spezial-Würzmischung kaufen, für die andere einfach so vorbeikommen, auch wenn sie keinen Film anschauen. Du nervst die Nachbarn mit Chipstüten-Kruspeln oder nicht. Du bestimmst.

Und das ist seit genau einem halben Jahrhundert der Reiz im Autokino Gravenbruch. Der Mix aus Party mit den anderen, wie den Jugendlichen aus Isenburg, die mit dem Rad gekommen sind und auf Decken liegen, und aus einer selbst gewählten Intimität im Wagen. Ein Landwirt läuft übrigens regelmäßig mit dem Traktor ein.

Ob Bulli oder BMW, ob Oldtimer oder Ottonormal-Kleinwagen, ob Motorrad oder Maserati - ihren Kinosessel haben alle im Gepäck. So wie die beiden Mütter, die ihren Töchtern aus einer nostalgischen Laune heraus zeigen wollen, wie sie damals... Doch nicht alles müssen die Teenager erfahren. Spaß hat das Quartett auch ohne allzu detailgenaue Bekenntnisse der Mamas.

"Wir sind Kult", sagt Heiko Desch, Theaterleiter in Diensten von Drive In, seit 22 Jahren die Betreiberfirma mit weiteren Autokinos in München, Stuttgart, Köln und Essen. Stimmt, so überstrapaziert das Wort Kult auch sonst oft sein mag.

Das Autokino Gravenbruch, vor fünf Jahrzehnten vom Niederländer Hermann F. Passage eröffnet, der die Idee aus Südafrika mitbrachte, wo er schon einige Autokinos betrieben hatte, bannt bis heute - auch wenn Fernseher und Ausleih-Filme der ganz großen Drive-In-Zeit ein Ende gesetzt haben. Und erst recht ein Heiratsantrag auf Großleinwand - dann tobt das ganze Publikum.

Gelegen zwischen dem Naturschutzgebiet Bruch von Gravenbruch und Schnellstraße, ist das Autokino nicht mehr - wie zuvor 15 Jahre lang - von der Gefahr bedroht, einem Wohngebiet weichen zu müssen. Die Bebauungspläne sind längst und endgültig vom Tisch. Da lässt sich der Geburtstag unbeschwert feiern.

Desch, 37, listet die Superlative stolz auf: "Gravenbruch ist das älteste noch existierende Autokino in Europa, es war das erste in Deutschland und das dritte in Europa." Dass es immer noch bestehe, sei gewiss auch dem samstäglichen Automarkt zu verdanken, der seit vier Jahrzehnten die Kasse zusätzlich füllt. "Die Nebengeschäfte sind ganz wichtig", betont Desch. "Das reicht bis zum Umsatz unserer renovierten Snackbar mit den Super-Burgern."

Desch hat vor acht Jahren als Vorführer angefangen und ist seit drei Jahren der Chef auf dem Riesengelände mit vier Festangestellten, 20 Aushilfen und Stellplätzen für 1088 Autos.

"Als ich damals meinen ersten Film hier gesehen habe, es war Star Wars, war das schon genial bis gigantisch." Die Augen leuchten immer noch. "Die Party auf dem Platz, das Gemeinschaftserlebnis, die lockere Stimmung um und sogar auf den Autos, einfach fantastisch."

In den Anfangsjahrzehnten mussten die Zuschauer noch Lautsprecher und Heizgeräte von einer der 544 Service-Säulen durchs Fenster in den Wagen holen. Mancher vergaß bei der Abfahrt, dass die Geräte noch im Auto waren - und die Kabel rissen ab. Seitdem 1997 der Funkton eingeführt wurde, muss das Publikum nur noch die richtige Frequenz im Autoradio finden und einschalten. Lediglich die Anschlüsse für die Heizlüfter sind an kalten Abenden bis heute in Betrieb.

Bis abends Hollywood & Co. starten, muss es dunkel sein. Im Sommer kann das mitunter bis gegen zehn Uhr abends dauern. Es gibt immer die Wahl zwischen einem Film auf der 540 Quadratmeter großen und der 240 Quadratmeter kleinen zweiten Leinwand. "Wir spielen das ganze Jahr durch", betont Desch und weist auf einige ostdeutsche Saisonbetriebe hin, die nur in der warmen Jahreszeit öffnen.

Verlässlich sei in diesem Geschäft nichts, befindet der Theaterleiter. "Die Extreme reichen von nur zwei bis vier Besuchern an einem Montag im Winter, an dem es schneit, bis hin zu mehr als 2000 Gästen an einem Samstagabend im Sommer." Im Schnitt sitzen 2,2 Besucher in einem Wagen. Wie und womit sie abends an den demnächst dank frischer Farbe komplett silber-roten Kassenhäuschen vorfahren, "ist völlig deren Sache", sagt Desch. "Und ebenso, ob der Pudel auf der Hinterbank mitgekommen ist und bellt oder döst."

Auch wenn die Besucherzahlen kontinuierlich zurückgegangen sind und der Chef einräumt, "dass wir teilweise ziemlich mit unserem Bekanntheitsgrad zu kämpfen haben", ist er sicher, dass Gravenbruch noch eine ganze Weile das große Parken mit kultureller Aussicht bieten wird. "Zusätzlich zur festen Fangemeinde entdecken uns ja auch immer wieder Leute neu." Das Einzugsgebiet sei riesig und reiche bis Aschaffenburg, Limburg, Heppenheim und Gießen.

Desch blickt in den Himmel und lächelt: "Warum sollte es nicht noch für ein zweites halbes Jahrhundert reichen?"

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