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Babbscher mit breiter Brust

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Von: Frank Sommer

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Achim Bruder führt das Familienunternehmen Abro weiter.
Achim Bruder führt das Familienunternehmen Abro weiter. © Rolf Oeser

Der Jügesheimer Achim Bruder ist Vorsitzender des Lederwarenverbandes. Lederwaren sind sein Familienmetier. Er führt mit seinem Bruder Stefan das Familienunternehmen Abro.

Überall hat es sie einst gegeben in der Umgebung – im Rodgau, in Obertshausen und in Offenbach. „Babbscher“ wurden sie gerufen, die Lederwarenhersteller. „Vieles wurde in Heimarbeit gefertigt, aber es gab auch viele Firmen. In manchen Orten wurde in jedem dritten Haus mit Leder gearbeitet“, berichtet Achim Bruder. Der 41-Jährige muss es wissen, denn Lederwaren sind das Familienmetier.

Mit seinem Bruder Stefan führt er seit 1995 das Familienunternehmen Abro in Jügesheim. Gegründet von der Großmutter 1930 unter dem Namen „Adam-Alois-Bruder-AG“, erfolgte in den achtziger Jahren die Umbenennung in Abro, eine Abkürzung für „Adam Bruder Rodgau“.

Auf Gürtelherstellung war die Firma in den Anfangsjahren spezialisiert, heute liegt der Schwerpunkt auf hochwertigen Frauenhandtaschen. Bruders Spezialität ist es, aufeinander abgestimmte Produkte anzubieten: Tasche, Schuhe, Gürtel und I-Phone-Täschchen im gleichen Design. „Vergangenes Jahr ging der Trend zu Rückbezügen auf die fünfziger Jahre mit vielen Pastelltönen, dieses Jahr geht es weniger bunt zu“, sagt der studierte Betriebswirt. Im Ausstellungsraum des Jügesheimer Unternehmens gibt es alles, was Frauenherzen höher schlagen lässt: Mit Nieten verzierte Taschen ebenso wie schlichte schwarz-weiße Handtaschen.

Fertigung in Osteuropa

50 Mitarbeiter beschäftigt Abro, gerade erst konnte Bruder zwei langjährige Mitarbeiter für 40 und 25 Jahre Betriebszugehörigkeit ehren. Auch wenn im Rodgau nicht mehr produziert wird, die ehemaligen Feintäschner oder Stepperinnen wurden weiterbeschäftigt, „ihre Erfahrung sichert unsere Qualitätskontrolle“, sagt Bruder.

Nicht am PC, sondern mit Pappe entstehen alle Entwürfe. Jedes Lederstück erhält eine Pappform, das später einem Stanzeisen als Vorlage oder digitalisiert einer Schneidemaschine als Muster dient. Bei den aufwändigen geflochtenen Taschen, einer Spezialität von Abro, kommen da einige Meter Pappe zusammen.

Gefertigt wird beispielsweise in Osteuropa: „Der Strukturwandel ist doch schon längst vollzogen, auch in Italien oder Frankreich wird nicht mehr selbst gefertigt“, verteidigt das Bruder. „Aber“, und darauf legt er wert, „wir sind keine untergegangene Tradition, die deutsche Lederwarenindustrie ist überaus kreativ.“

Allerdings werde sie international nicht so wahrgenommen wie Marken französischer oder italienischer Hersteller. „Fragt man auf der Straße Leute nach Lederwaren, so werden mindestens drei italienische Namen genannt, aber keine deutschen.“ Italien und Frankreich hätten in den 1970er Jahren die Weichen anders gestellt, sich anders und aggressiver vermarktet. „Mit einem anderen Marketing hätte Goldpfeil Prada werden können“, ist sich Bruder sicher. „Denn hier haben wir die handwerklichen Wurzeln und die Tradition, die es in anderen Ländern nicht gibt, und dieses Bewusstsein muss gestärkt werden.“

Deutschen Herstellern die nötige Beachtung zu geben, sieht der Abro-Geschäftsführer als wichtige Aufgabe an. Eine Aufgabe, die er in seiner neuen Funktion als Vorsitzender des Bereichs Lederwaren im Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie vorantreiben will. „In den Köpfen herrscht immer noch das Bild, deutsche Firmen ließen alles in China unter furchtbaren Bedingungen herstellen, während in Italien oder Frankreich jede Tasche in liebevoller Handarbeit entsteht, aber dem ist nicht so“, sagt Bruder. Unternehmen aus Italien oder Frankreich ließen ebenfalls in Bulgarien oder China fertigen. Und auch dort seien längst gute soziale Standards dort gegeben, behauptet Bruder.

„Freilich“, räumt Bruder ein, „schwarze Schafe gibt es auch in unserer Branche, aber meist herrschen in den Produktionsländern Bedingungen, von denen hätte man hier zu früheren Produktionszeiten nur träumen können.“

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