Margarita Broich und Wolfram Koch sind ein großartiges Tatort-Team. Der Dreh in Dreieich-Buchschlag ist ihre vierte gemeinsame Ermittlung.
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Margarita Broich und Wolfram Koch sind ein großartiges Tatort-Team. Der Dreh in Dreieich-Buchschlag ist ihre vierte gemeinsame Ermittlung.

Dreieich

Verbrechen im Wendehammer

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Der HR dreht eine neue Tatort-Folge in Buchschlag. Der Dreieicher Stadtteil ist eine gern genutzte Filmkulisse. Die riesigen Villen mit ihren wunderbaren Jugendstilkulissen bieten ein zumindest im Rhein-Main-Gebiet seltenes Ensemble.

Der Schauspieler Jan Krauter steht vor einem gewaltigen Betonwall mit Stacheldraht und raucht mit völlig verbrannten Händen eine Zigarette. Hinter der offenen Sicherheitstüre erkennt man eine elegante Villa. „Stirbst du heute?“, fragt ihn einer der wartenden Statisten, der ganz in Schwarz gekleidet so ausschaut, als würde er nur darauf warten, Krauter mit dem bereitstehenden Leichenwagen eines Offenbacher Bestattungsinstituts möglichst schnell in die Pathologie fahren zu dürfen, sobald er zu Ende geraucht hat.

Buchschlag ist eine gern genutzte Filmkulisse, aktuell produziert der Hessische Rundfunk hier im Milanweg, einer idyllisch am Waldrand gelegenen kurzen Sackgasse, den Tatort „Wendehammer“, in dem Krauter dann wirklich irgendwann auf dem Seziertisch landen wird. Erst im vergangenen Winter entstand nur wenige Hundert Meter entfernt der Kinofilm „Wann endlich küsst Du mich“. Heike Makatsch hat hier schon gedreht und auch Hannelore Elsner. Die riesigen Villen mit ihren wunderbaren Jugendstilkulissen bieten ja auch ein zumindest im Rhein-Main-Gebiet seltenes Ensemble.

Insofern scheint es erst einmal nicht so ungewöhnlich, dass hier nun ein neuer Tatort gedreht wird – im Film übrigens wird aus Buchschlag ein nicht näher genannter Frankfurter Stadtteil. Außergewöhnlich ist vielmehr, dass der Hessische Rundfunk diesmal eben nicht den Jugendstilprunk einfangen möchte, sondern sich ein zwar schönes, aber nicht besonders auffälliges Ensemble an 60er-Jahre-Häusern für den Dreh ausgesucht hat. Das könnte so auch in Neu-Isenburg, Langen oder Dietzenbach stehen.

„Hier im Milanweg gibt es einen echten Glücksfall“, sagt Aufnahmeleiterin Julia Boltz vom HR. „Wir konnten hier fünf nebeneinanderstehende Häuser für die Dreharbeiten nutzen. Das gibt es sehr selten. Außerdem liegen sie alle in einem Wendehammer, genau wie im Drehbuch vorgegeben.“
Schauspieler Krauter, im Film ist er der ziemlich eigenartige Computerexperte Nils Engels, wohnt in einer der Villen, die sonst nur von einem hüfthohen Holzzaun umgeben ist, hinter drei Meter hohen massiven grauen Mauern.

Dreieichs Erster Stadtrat Martin Burlon (parteilos), der mal vorbeigekommen ist, um das Team im Namen der Stadt zu begrüßen, ist angesichts des Betonungetüms ganz entsetzt. „Wer hat denn das genehmigt?“ Die Kulissenbauer haben da ganze Arbeit geleistet, die Mauer aus Pressspanplatten sieht verdammt echt aus, muss aber weg, sobald die Dreharbeiten vorbei sind. „Tatort-Drehs sind aufwendig“, sagt Boltz trocken.

26 Drehtage mit Margarita Broich als Anna Janneke und Wolfram Koch als Paul Brix sind unter der Regie von Markus Imboden für die Folge eingeplant, die voraussichtlich Ende des kommenden Jahres in der ARD zu sehen sein wird. Die Hausbewohner sind in dieser Zeit entweder ausgezogen, oder sie rücken enger zusammen. Trotzdem ist es ein Erlebnis, das auch noch gegen Ende der Dreharbeiten begeistert, wie Anwohner Wolfram Völzke stolz erzählt.

In seinem Haus wohnt laut Drehbuch seit vier Wochen Cornelia Froboess, und das ist auch für seine 95 Jahre alte Mutter etwas ganz Besonderes. „Sie kennt sie ja noch aus den 50er Jahren“, sagt er. Als die Anfrage gekommen sei, das Haus für Dreharbeiten zu vermieten, habe er sich rasch überzeugen lassen. „Aber da wussten wir nicht, dass es so extrem wird. Sogar sonntags wird gedreht.“

Bei Nachtaufnahmen muss die Familie mucksmäuschenstill in Nebenräumen warten, „und meine Mutter mussten wir im Dunklen ins Bett bringen“, sagt Völzke. Trotzdem merkt man ihm die Begeisterung, bei den Filmaufnahmen so nah dabei sein zu können, auch nach fast vier Wochen eingeschränkten Wohnkomforts noch an. „In dieser Zeit hat sich ein besonderes Verhältnis zu der Crew entwickelt“, sagt er. „Es ist schon richtig familiär.“

Krauter, im Krimi der pedantische Computer-Nerd, im wahren Leben ein sehr freundlicher, witziger Theater- und Filmschauspieler, durfte für die Dreharbeiten sogar zwei tatsächlich auf „seinem“ Grundstück wachsende Bäume fällen. „Das können wir natürlich nur einmal drehen“, sagt er lachend.

Vor der aktuellen Aufnahme – es droht ein grässlicher Tod im Starkstrom des villeneigenen Sicherheitszauns – hat er rund anderthalb Stunden in der Maske verbracht. Geschminkt wurden vor allem seine Hände, die nun noch in durchsichtigen Plastikhüllen stecken und erst kurz vor dem Dreh daraus befreit werden.

Drei bis vier Filmminuten schafft das 40-köpfige Produktionsteam am Tag, dazu arbeiten ein Dutzend Schauspieler und Statisten ebenfalls vor Ort. Trotz oder vielleicht wegen der düsteren Geschichte ist die Atmosphäre entspannt. Die Zigarette hat Krauter eine freundliche Kollegin angesteckt, um die aufgeschminkten Brandwunden zu schonen. Für den 31-Jährigen, der auch schon als Sohn von Bernhard Grzimek zu sehen war, ist es der zweite Auftritt in einem Tatort. In einer Folge des BR spielte er einen Präparator. „Da sterbe ich aber nicht“, sagt er lachend.

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