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Ärger über Schwarzbuch

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Von: Andreas Hartmann

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Schule soll für alle Kinder offen sein.
Schule soll für alle Kinder offen sein. © Michael Schick

Im "Schwarzbuch Inklusion" ist der Kreis Offenbach ganz vorne dabei. Der Kreis Offenbach weist den Vorwurf zurück, „besonders inklusionsfeindlich“ zu sein.

Als jetzt in Darmstadt das „Schwarzbuch Inklusion“ vorgestellt wurde, da war der Kreis Offenbach ganz vorne mit dabei – nicht etwa, weil hier so wenige behinderte Schüler Förderschulen besuchen müssen wie in wenigen anderen Kreisen Hessens, sondern weil der Kreis Kindern ihren gesetzlichen Anspruch auf einen Integrationshelfer (im Pädagogenjargon: I-Helfer) verweigert, die die Schüler im Unterricht begleiten, ihnen etwa beim Toilettengang helfen oder sie beruhigen, wenn sie einen Anfall haben.

Seit längerem schwelt deswegen ein Rechtsstreit zwischen dem Kreis und den Eltern eines autistischen Jungen aus Mühlheim, dem der Kreis keinen Integrationshelfer finanzieren will. Argument des Kreises ist, dass der Junge eher eine pädagogische als eine pflegerische Betreuung brauche – auch darauf hätte er Anspruch, bezahlen müsste aber in diesem Falle das Land. Bereits zweimal ist der Kreis deshalb vor Gericht unterlegen. Jetzt ruht das Verfahren, weil der Kreis Tübingen einen ähnlichen Fall höchstrichterlich beim Bundessozialgericht klären lassen will.

Der Kreis Offenbach sei jedenfalls „besonders inklusionsfeindlich“, hieß es bei der Vorstellung des Schwarzbuches in Darmstadt. An diesem hat auch der Offenbacher Verein „Igel“ (Initiative gemeinsam lernen) mitgewirkt.

Landrat Quilling: "Falsche Darstellung"

„Besonders inklusionsfeindlich“ – das ist ein Vorwurf, den Kreisbeigeordneter Carsten Müller (SPD) und Landrat Oliver Quilling (CDU) nicht auf sich sitzen lassen wollen. „So wie das in dem Schwarzbuch dargestellt wird, ist es einfach falsch“, sagt Quilling sichtlich säuerlich. Klares Indiz hierfür ist seiner Ansicht nach die schon erwähnte, auch landesweit besonders niedrige Anzahl an Schülern, die im Kreis in Förderschulen gehen. Von 35 891 Schülern besuchten im Schuljahr 2011/12 nur 993 eine Förderschule. „Das sind nur 2,77 Prozent, und das spricht doch für eine hohe Inklusionsrate“, sagt Quilling. „Damit liegen wir hessenweit an der Spitze.“

Der Landesdurchschnitt beträgt nach Kreis-Angaben 3,7 Prozent. In Frankfurt gehen 3,9 Prozent aller Schüler auf eine Sonderschule, in der Stadt Offenbach sind es 4,5 und in Kassel sogar 6,3 Prozent. Bei der „begabungsgerechten Schule“ habe der Kreis sogar Pionierarbeit geleistet. Das Projekt ist nach vier Jahren zwar abgeschlossen, der Kreis wolle es aber fortsetzen, sagt Quilling.

Das Thema „I-Helfer“ sei nur ein kleiner Teil des großen Themas Inklusion, die Schwarzbuch-Autoren hätten sich das herausgegriffen. „Das ist unredlich“, findet Quilling. Die Autoren wollen seiner Ansicht nach etwas ganz anderes, nämlich die Abschaffung der Förderschulen und des dreigliedrigen Schulsystems. „Da geht es um Schulpolitik. Die Kritiker müssen sich das Land vornehmen, nicht den Kreis“, sagt Beigeordneter Müller.

Inklusion ist ein Politikum

Trotzdem reagiert er: „Der Verein Igel hat dem Sozialamt und dessen Amtsärztin Vorwürfe gemacht“, sagt Müller. Künftig werden deshalb die Kinder von einem anderen Arzt im Gesundheitsamt untersucht. „Das soll künftig jeden Verdacht von vorneherein entkräften, das Sozialamt prüfe so, dass der Antrag sowieso abgelehnt werde“, sagt Müller. „Wir wollen doch nicht zu Lasten der Eltern sparen.“ 1,6 Millionen Euro stünden im Kreis-Haushalt für die I-Helfer bereit, sagt er. „Die Autoren haben außerdem verschwiegen, dass der Kreis in dem besagten Streitfall ja bezahlt. Und dieses Geld wollen wir uns nicht von den Eltern zurückholen.“ Und Quilling legt sogar noch einen drauf: „Diese Debatte trifft alle, die sich an den Schulen im Kreis engagiert haben“, sagt er.

In Hessen ist das Thema Inklusion ein Politikum – nicht zufällig ist das Schwarzbuch so kurz vor der Landtagswahl vorgestellt worden. „Uns geht es hier im Kreis nicht um politische Farbenspiele“, sagt Müller. Nach dem 22. September müsse sich sowieso eine neue Landes- oder Bundesregierung mit dem Thema Inklusion auseinandersetzen.

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