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Riesiges Gewächshaus für 16 Millionen Gurken: BUND kritisiert Pläne des Investors

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Von: Annette Schlegl

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Ein Landwirt plant auf Gernsheimer Gemarkung ein riesiges Gewächshaus, das so groß ist wie 13 Fußballfelder. Die Naturschützer lehnen das Projekt strikt ab.

Gernsheim – Tomaten, Schlangengurken und Paprika unter Glasdächern, so weit das Auge reicht. Genau gesagt: auf 92.000 Quadratmetern. Oder anders gesagt: auf einem Areal, das so groß ist wie 13 Fußballfelder. Das ist die Vision von Landwirt Jirko Stiller, die er mit einem riesigen Gewächshaus im südhessischen Gernsheim verwirklichen will.

Es sei nachhaltiger und zukunftsträchtiger, das Gemüse ganzjährig in der Region zu produzieren, als es aus Ländern wie Spanien oder Marokko zu importieren, erklärt er. Den Bauantrag für das XXL-Gewächshaus hatte er beim Kreis Groß-Gerau gestellt, er befindet sich aber noch in Bearbeitung. Umweltschützer:innen lehnen das Vorhaben strikt ab.

Gernsheim: Riesiges Gewächshaus soll 30 Millionen Euro kosten

30 Millionen Euro werde sein geplantes Projekt am Ortsrand von Klein-Rohrheim, einem Stadtteil von Gernsheim, wohl kosten, sagt Jirko Stiller. Ein Bankenkonsortium werde das Gewächshaus als „sicheres Geschäftsmodell“ finanzieren, da die Produktion wetterunabhängig möglich ist. „Wenn ich das Geld in einen Freilandanbau stecken würde, wäre das Ganze finanziell nicht darstellbar.“

So soll das Riesengewächshaus aussehen, das am Ortsrand des Gernsheimer Stadtteils Klein-Rohrheim geplant ist.
So soll das XXL-Gewächshaus aussehen, das am Ortsrand des Gernsheimer Stadtteils Klein-Rohrheim geplant ist. © WSW Baubetreuung

Vier Millionen Kilogramm Tomaten und 16 Millionen Gurken will er pro Jahr unter Glas ernten, dazu noch Paprika und später vielleicht auch Salat. Das Gewächshaus spare im Vergleich zu ausländischer Produktion in Spanien jährlich anderthalb Millionen Lastwagen-Kilometer, rechnet Stiller vor. „Bisher werden nur zehn Prozent der Tomaten in Deutschland erzeugt.“

Anfang 2024 soll das Glashaus fertig sein, in dem modernste nachhaltige Technik zum Einsatz komme. Unter anderem werde das Gemüse mit einem System bewässert, das wie ein riesiger Luftentfeuchter mit Wärmetauschern funktioniert. Statt bei hoher Luftfeuchtigkeit das Glasdach zu öffnen – wie in konventionellen Gewächshäusern üblich –, werde das Wasser aus der Luft gefiltert, aufgefangen und über den Beregnungskreislauf an die Pflanzen gegeben.

Der Investor

Jirko Stiller produziert aktuell auf seinen Feldern Gemüse für die Region Rhein-Main.

Die Freilandflächen umfassen 800 Hektar Land. Darauf wachsen 20 verschiedene Arten – unter anderem Salate, Zucchini, Porree und Kohlrabi.

Sein Unternehmen firmiert unter dem Namen Gemüse-Garten Büttelborn GmbH und ist nach seinem eigenen Bekunden in punkto Freilandgemüse das größte in Hessen und eines der größten in Deutschland.

Jährlich erntet er 16 Millionen Köpfe Romanasalat und 10 Millionen Köpfe Eisbergsalat, die an Lebensmittelketten wie Edeka oder Rewe geliefert werden.

Mit dem Gewächshaus will er sein Sortiment auf Kulturen erweitern, die nicht typisch hier angebaut werden. ann

Riesiges Gewächshaus in Südhessen: BUND sieht Gefahr von Grundwasserverschmutzung

Unter Glas sieht der Landwirt „hohe Effizienz auf kleiner Fläche“. Im Vergleich zum Freilandanbau benötige er nur zehn Prozent des Wassers, die Erträge lägen aber acht- bis zehnmal höher. Der Gesetzgeber fordert für seinen geplanten Eingriff in die Natur einen naturschutzrechtlichen Ausgleich. Den will Stiller schaffen, indem er Freilandflächen aus der Bewirtschaftung nimmt und so ein Vogelschutzgebiet erweitert.

Das Gewächshaus sei nach unten mit Folie abgedichtet, außerdem werde ohne Erde mit Substraten gearbeitet. So gelange kein Nitrat ins Grundwasser. Der Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) im Kreis sieht aber bei einem Riss in der Folie sowie bei Lagerung und Transport sehr wohl die Gefahr der Grundwasserverschmutzung. Außerdem seien Monokulturen anfällig für Krankheiten, die vor allem mit Kupfer und giftigen Spritzmitteln bekämpft würden. Diese Gifte reicherten sich in Grundwasser und Boden an. Die Region sei bereits stark mit Nitrat belastet.

„Wir haben die Aufgabe, in einer wandelnden Welt die Ernährung sicherzustellen“, sagt Landwirt Jirko Stiller. Das will er mit einem Gewächshaus erreichen, in dem ganzjährig geerntet werden kann.
„Wir haben die Aufgabe, in einer wandelnden Welt die Ernährung sicherzustellen“, sagt Landwirt Jirko Stiller. Das will er mit einem Gewächshaus erreichen, in dem ganzjährig geerntet werden kann. © peter-juelich.com

In einem Bebauungsplanverfahren müsse geprüft werden, ob sich im niederschlagsarmen Hessischen Ried der enorme Grundwasserverbrauch für Tomaten und Gurken mit dem Trinkwasserbedarf der Bevölkerung vereinbaren lässt, betont der BUND. Außerdem müsse man in der Gesamtenergiebilanz des Projekts auch die Energie berücksichtigen, die zur Herstellung und zum Transport von Dünger und Substrat sowie zum Bau des Gewächshauses nötig ist.

Gernsheim: BUND bezeichnet Pläne für riesiges Gewächshaus als „Irrweg“

Der BUND bezeichnet die Pläne des Investors als „Irrweg“. Industrieller Intensivanbau durch Agrarfabriken sei kein Zukunftsmodell für die Region und zerstöre das Landschaftsbild. Die Naturschützer plädieren stattdessen für kleinteilige Bauernhöfe und Betriebe mit ressourcenschonender und biologischer Landwirtschaft.

Das „Glashaus“ sperre einheimische Tiere wie Schmetterlinge, Vögel, Feldhasen und Hamster aus, kritisiert Kreisverbandssprecher Herbert Debus. Das verstärke das Artensterben. Gernsheims Bürgermeister Peter Burger (CDU) sieht das anders. „In solchen Häusern wimmelt es vor Insekten“, sagt er. Für ihn hat das Megaprojekt den Vorteil, dass man „Fungizide und Pestizide im Blick und Einfluss auf die Produktionsbedingungen hat“. Die Erschließung mit Wasser und Abwasser sei schon vor Wochen auf Verwaltungsebene thematisiert worden. Am 17. Mai werde der Investor den Stadtverordneten ab 18.30 Uhr in der Stadthalle Rede und Antwort stehen.

Ein solches Projekt könne der Landwirtschaft dringend benötigte Azubis beschaffen, meint Stiller. Hier könnten sie statt im Matsch trockenen Hauptes an Computern arbeiten und das Gemüse im Stehen in ökonomischer Haltung ernten. (Annette Schlegl)

In Darmstadt sind bei einem Millionen-Projekt Gewächshäuser im Prinz-Georg-Park entstanden.

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