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Wissenschaftler Windpassinger, Mitarbeiter Cakaj und Technischer Leiter Tolksdorf (v.l.) im Sorghum-Feld.

Groß-Gerau

Versuchsstation Groß-Gerau will Pflanzen gegen Dürrestress züchten

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In einer Versuchsstation der Uni Gießen experimentieren Wissenschaftler mit Soja und Getreide aus Afrika. Es soll dem Klimawandel trotzden.

Zwei Hitzesommer in Folge setzen den Landwirten zu. Ernteeinbußen und Ausweitung der Anbauflächen zum Ausgleich sind die Folge. Wie man dem Klimawandel durch die Anpflanzung neuer Arten begegnen könnte, das erforschen Wissenschaftler der Justus-Liebig-Universität Gießen in Groß-Gerau.

Dort befindet sich eine von drei Versuchsstationen des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung in Hessen. Der Standort im hessischen Ried eignet sich laut Uni wegen seines sandigen Untergrunds und der klimatischen Bedingungen wie höhere Lufttemperaturen, schnellere Bodenerwärmung im Frühjahr und weniger Niederschlag für bestimmte pflanzenbauliche und züchterische Fragestellungen besonders gut.

Schon von der B44 zwischen Groß-Gerau und Mörfelden-Walldorf aus sind zwei große Gewächshäuser der Versuchsstation zu sehen. Doch die eigentlichen Feldversuche finden auf dem insgesamt 24 Hektar großen Freigelände statt. Der größere Teil ist mit einem Zaun abgesperrt, um ihn gegen Wildbiss zu schützen, wie der Technische Leiter der Station, Mario Tolksdorf, erklärt.

Wundergras Die Sorghumhirse(Sorghum) gehört wie die Echte Hirse zur Familie der Süßgräser. Ursprünglich in Ostafrika beheimatet, wird sie heute weltweit angebaut und ist die fünftwichtigste Nahrungsgetreideart. Sie ist an heißes und trockenes Klima angepasst.

In der VersuchsstationGroß-Gerau werden seit 2006 neue Hybridsaaten gezüchtet. 2021 könnten hierzulande die ersten essbaren Sorten marktreif sein.

Es gibt verschiedene Sorghum-Sorten,die entweder als Bioethanol oder Futtermittel verwendet werden. Als Nahrungsmittel eignet sie sich wegen des Fehlens von Gluten weniger zum Backen und mehr für Brei, Grütze, Fladen und zur Bierherstellung. cka

Ein großer Hoffnungsträger im Hinblick auf den Klimawandel ist die Sorghumhirse, eine Getreideart aus Afrika. „Aus ihr kann man sowohl Brot backen als auch Bier brauen“, sagt Tolksdorf. Die bis zu fünf Meter hohe, dem Mais ähnliche Pflanze verbrauche dabei 30 bis 40 Prozent weniger Wasser als andere Getreidesorten und sie sei glutenfrei. Ein weiterer Vorteil: Die Blüten können als Bienenfutter in einer Jahreszeit dienen, in der sonst wenig blüht.

Schon seit 1954 wird in der Station erforscht, wie sich Kulturpflanzen wie Weizen, Raps oder Mais, der früher hierzulande nicht wuchs, unter verschiedenen Bedingungen, wie Beregnung, Düngung und Pflanzenschutz entwickeln. In einem ihrer größten Projekte untersuchten die Gießener Wissenschaftler 220 Weizensorten, die in den vergangenen 50 Jahren angebaut wurden, und konnten zeigen, dass die neueren Sorten entgegen ihrem schlechten Ruf „besser sind, weil sie weniger intensiv bewirtschaftet werden müssen“, so Tolksdorf.

Doch auch ganz neue Genotypen bestehender Arten werden in der Versuchsstation in mühsamer Handarbeit gezüchtet. Das heißt zum Beispiel Bestäubung mit dem Pinsel und Kastration männlicher Pflanzenteile per Hand. „Für eine einzige Pflanze braucht man da bis zu 45 Minuten“, sagt Tolksdorf. Zehn Mitarbeiter sind dort beschäftigt, wohnen teilweise in stationseigenen Wohnungen vor Ort. Schüler aus der Region helfen beim Etikettieren der Pflanzen oder beim Abdecken einzelner Gewächse, die durch Plastikhüllen vor einer Fremdbestäubung geschützt werden. Auch Mähdrescher und Drillmaschinen zur Einebnung der Böden kommen zum Einsatz, haben aber kleinere Formate als die üblichen Landwirtschaftsmaschinen. In der eigenen Wetterstation werden Niederschläge und Bodentemperatur gemessen.

Auf verschiedenen Parzellen gedeihen die Sorghum-Testreihen gut. Die Körner der orange bis rostroten Rispen sind zum Teil schon reif. Geerntet wird ab Oktober. Neu an dieser hier aus einer original afrikanischen Population gezüchteten Art ist, dass sie auch unter den hiesigen Bedingungen Körner trägt, die auch reifen. Die bisher in Deutschland angebauten Sorten bildeten keine Früchte und würden ausschließlich für Biogasanlagen verwendet, sagt Tolksdorf. Ziel sei es, die Pflanze für hiesige Klimabedingungen zu adaptieren, das heißt, sie kälteunempfindlicher sowie ertragreicher und krankheitsresistenter zu machen. Bislang wird die Pflanze nur in wärmeren Klimazonen als Nahrungsgetreide genutzt. In Mexiko bäckt man daraus Tortillafladen. Auch Soja wächst hier erfolgreich zu Versuchszwecken: Vergangenes Jahr habe man 17 Genotypen gehabt, dieses Jahr seien es schon 26, sagt der landwirtschaftlich-technische Assistent Hajrullah Cakaj.

Auch Sojabohnen reifen in Groß-Gerau.

Bevor eine neue Sorte von Landwirten angebaut werden kann, muss sie genehmigt werden. Derzeit sind laut Steffen Windpassinger, wissenschaftlichem Mitarbeiter, zwei Sorghum-Sorten dafür beim Bundessortenamt angemeldet. „Wenn sie den Untersuchungsprozess überstehen, werden sie 2021 auf dem Markt verfügbar sein.“

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