Cover eines Romans aus dem Jahr 1907.
+
Cover eines Romans aus dem Jahr 1907.

Rüsselsheim

Utopien im Realitätscheck

Einst las er heimlich unter der Schulbank billige Science-Fiction-Comics, heute bewertet Professor Gerd Küveler die Visionen historischer Zukunftsromane. Auf einer Website gibt der Astrophysiker unterhaltsamen Einblick, wie sich die Menschen früher die Zukunft vorstellten.

Fantastische Zukunftsvisionen früherer Jahrhunderte faszinieren Gerd Küveler. Kein Wunder, möchte man sagen, ist der Mann, der viele Jahre als Professor technische Informatik am Rüsselsheimer Fachbereich Ingenieurwissenschaften der Hochschule Rhein-Main lehrte, doch von Hause aus Astrophysiker. Aber es ist umgekehrt: Zur Astrophysik kam er letztendlich, weil er schon als Junge unter der Schulbank heimlich Groschenromane und Science-Fiction-Comics gelesen hat, wie der heute 64-Jährige gesteht: „Für die Lehrer war das alles Schund.“

Als Hochschullehrer im Ruhestand darf er sich seiner Vorliebe längst ohne schlechtes Gewissen widmen. Auf einer neuen Webseite des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften gibt er auf unterhaltsame Weise Einblicke, wie sich die Menschen früher die Zukunft vorstellten. Auf der Seite hat er Abbildungen von Einbandillustrationen und Schutzumschlägen von Zukunftsromanen eingestellt. Denn diese sagen ebenso wie die Texte utopischer Erzählungen viel über die Vorstellungen zurzeit ihrer Entstehung aus.

„Diese Vorstellungen spiegeln immer auch die Wahrnehmung des Volkes wieder“, erläutert er. Die neue Webseite will zur Beschäftigung mit diesen Zukunftsvisionen anregen. In kurzen Erläuterungen und kommentierenden Texten zu den Illustrationen gibt Gerd Küveler Hinweise zum Verständnis der utopischen Literatur am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts und zieht seine Schlussfolgerungen – mal mit humorvollem Augenzwinkern, mal lässt er mahnenden Ernst durchblicken.

So seien interessante Aufschlüsse über damals gehegte Erwartungen zu bekommen, meint Küveler. Ein Beispiel: Der Blick ins Paradies mit der Illustration auf dem Einband des Romans „In 100 Jahren“, der 1907 erschien. Autor ist Friedrich Eduard Bilz, der im Jahr 1880 die erste Ausgabe von „Das neue Naturheilverfahren“ verfasste, ein Buch, das bis 1938 zahllose Neuauflagen erlebte. Bilz gehörte zu der in der Zeit der industriellen Revolution entstehenden Gegenbewegungen nach dem Motto „Zurück zur Natur“, wie Küveler auf der Website zu dem Zukunftsroman erläutert. Bilz eröffnete ein alternatives Sanatorium in Radebeul. „Die große Mehrheit der Menschen hat sich jedoch anders entschieden. Kapitalismus und Technik beherrschen die Welt“, lautet Küvelers Resümee. Das erwartete goldene Zeitalter des Jahres 2000 sei nicht eingetreten: Die große Mehrheit der Menschen muss immer noch hart arbeiten. Die Mächtigen dieser Erde sind, wie zu allen Zeiten, nicht bereit, den geschaffenen Mehrwert gerecht zu verteilen.

Suche nach weiterer Literatur

Vor allem die frühen Entdeckungen der Raumfahrt beflügelten die Fantasie der Menschen. „Kollektion Kosmos – Mac Milfords Reisen ins Universum“, „Wunderwelten“ oder „Auf zwei Planeten“ lauten weitere Titel, die Gerd Küveler für seine Betrachtungen ausgegraben hat. Zurzeit fahndet er nach Literatur zum Mythos Mars, zu den 1877 entdeckten Marskanälen, die den Stoff für zahlreiche Science-Fiction-Romane lieferten. Küvelers Fazit: „Utopische Literatur ist nur selten in der Lage, eine langfristige zukünftige Entwicklung vorherzusagen. Insbesondere die utopisch-technische Literatur, Science Fiction genannt, kann uns aber zumindest auf eine mögliche Welt von morgen vorbereiten oder vor denkbaren negativen Entwicklungen warnen.“ vol

Kommentare