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Adam, Gregor und Arthur (v.l.) an ihrem Schlafplatz.
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Adam, Gregor und Arthur (v.l.) an ihrem Schlafplatz.

Groß-Gerau

Unterschriften gegen Obdachlose

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Eine Gruppe von Wohnungslosen erregt Ärger bei Bürgern. Als Reaktion engagiert Groß-Gerau einen privaten Sicherheitsdienst, der für Ordnung sorgen soll.

Wir haben alle ein Problem mit Alkohol“, sagt Adam. Der 43-jährige Pole sitzt auf dem schmutzigen Pflaster, mehrere Dosen Bier neben sich. Auch seine Landsleute Gregor (44) und Arthur (41) halten sich an Bierdosen fest. Hinter ihnen stehen zwei Einkaufswagen, beladen mit ihren Habseligkeiten. Die Rollläden der Häuser, vor denen sie seit Monaten campieren, sind runtergelassen. Es ist ein sonniger Nachmittag, Menschen flanieren über die Fußgängerzone der Groß-Gerauer Innenstadt.

Die drei Männer gehören zu einer Gruppe von etwa sechs polnischen Obdachlosen, die derzeit in der Stadt für Aufruhr sorgt. Es gibt noch weitere Wohnungslose, auch zwei Frauen, deren Einkaufswagen etwas weiter weg geparkt sind. „Das Gelage stößt einen ab“, sagt eine Spaziergängerin in der angrenzenden Friedrich-Ebert-Anlage. Sie würden auf der Straße kochen, überall sei Urin und Kot. Ihre Tochter hätten sie angepöbelt. „Man traut sich nicht mehr in den Park.“

Ellen Riedle von der Buchhandlung Zimmermann macht sich Sorgen, dass weniger Kundschaft nach Groß-Gerau kommt. Auf den Stufen des Kaufhauses Braun gegenüber hätten die Obdachlosen geschlafen, hätten sich total breit gemacht. Sie hat deswegen eine Unterschriften-Aktion gestartet, in der sie fordert: „Bitte geben Sie Ihre Unterschrift, damit Groß-Gerau nicht noch mehr verwahrlost und die Obdachlosen in den in den für sie vorgesehenen Unterkünften leben.“

Schlafplätze nur für Deutsche

Drei Blätter voll habe sie schon, will sie demnächst Bürgermeister Stefan Sauer (CDU) überreichen. „Die Stadt muss eingreifen“, sagt Riedle. Ihre Liste liegt im Penny-Markt aus, wo sich die Wohnungslosen mit Alkohol eindecken. Deswegen hat die Stadt darauf gedrungen, dem Personenkreis keinen Alkohol mehr zu verkaufen. Doch diese würden ärgerlich, wenn sie nichts bekommen, wie eine junge Verkäuferin berichtet. Einer habe sie schlagen wollen. „Ein anderer hat geklaut, der hat jetzt Hausverbot“. Die Kundschaft beschwere sich über den Dreck, den sie liegen ließen, schon öfter habe man den Krankenwagen rufen müssen, weil einer bewusstlos vor der Tür lag.

„Gregor hat Epilepsie“, berichtet Arthur der für die anderen übersetzt. „Manchmal fällt er einfach um.“ Medikamente bekomme er keine. Er habe ja keine Versicherung. Gregor hat schon in Berlin, Hamburg, Hannover und Köln auf der Straße gelebt. Zwar gefalle es ihm in Groß-Gerau, weil es so ruhig ist. Andererseits fühlt er sich diskriminiert. Er dürfe nicht in den Supermarkt, nicht einmal, um Essen zu kaufen. „Die Deutschen dürfen trinken, die Polen nicht.“ Ein Anwohner habe Motoröl auf eine Mauer im Park gegossen, auf der sich die Gruppe zum Frühstücken treffe.

Arthur ist seit vier Monaten ohne Wohnung. Zuletzt arbeitete der gelernte Maurer auf einer Baustelle in Frankfurt, doch nun finde er keinen Job. Er hat einen Sohn in Polen. Doch dorthin zurückgehen? „Wir haben kein Geld für die Reise.“ Und im Obdachlosenheim schlafen? Bei der Diakonie habe man gesagt: „Keine Chance“. Das Diakonische Werk betreibt in Groß-Gerau eine Unterkunft mit maximal 27 Schlafplätzen. Allerdings sind die nur für deutsche Wohnungslose vorgesehen, wie der Leiter des Wohnheims Klaus Engelberty sagt. „EU-Bürger haben kein Recht auf Sozialleistungen“, erst wenn sie fünf Jahre Aufenthalt in Deutschland nachweisen könnten. Was bei Menschen ohne Wohnsitz schwierig ist. Die Polen vom Penny-Markt würden zum Duschen, Waschen und manchmal zum Abendessen kommen.

Von der Unterschriftenaktion hält der stellvertretende Bezirksleiter Mitte des Diakonischen Werks nichts. Man solle lieber in einen Dialog treten. Warum bisher kein Streetworker von der Diakonie die Gruppe besucht habe, könne er nicht sagen. Im Schnitt frequentieren bis zu 200 Obdachlose jährlich die Kreisstadt.

„Es hat schon immer Obdachlose in der Stadt gegeben“, sagt Bürgermeister Sauer. Die Unterstützung der Bürger sei groß. „Doch diese Zahl von alkoholisierten Obdachlosen hatten wir noch nie.“ Was den Grad der Verwahrlosung und des aus dem Alkoholkonsum resultierenden Fehlverhaltens betreffe, sei das Maß überschritten. Da die Platzverweise des Ordnungsamts verpufften, wenn die Personen einen Schritt weiter auf Privatgelände machten, soll nun ein privater Sicherheitsdienst für Ordnung sorgen. Allerdings weiß Sauer, dass man nur einen „Verdrängungseffekt“ erreiche. Sie suchten sich einen anderen Platz. Doch wenn dieser nicht stark frequentiert werde, bleibe ihr Beutel leer. „Viele Bürger wissen nicht, dass ihre Sorge und Hilfsbereitschaft erst den Aufenthalt der Obdachlosen ermögliche.“

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