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Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer protestieren vor dem Landratsamt.
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Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer protestieren vor dem Landratsamt.

Kreis Darmstadt-Dieburg

Unterkunft in der Kritik

Junge Flüchtlinge beklagen miserable Verhältnisse im Kreis. Die Unterbringung von 60 minderjährigen Flüchtlingen im früheren Kreispflegeheim in Groß-Umstadt sorgt für allerhand Wirbel.

Die Unterbringung von 60 minderjährigen Flüchtlingen im früheren Kreispflegeheim in Groß-Umstadt sorgt für allerhand Wirbel und wütende Facebook-Einträge im Internet. „Selbst Tiere werden besser behandelt.“ In diesem Zitat aus einem Facebook-Eintrag („Refugee stories“) gipfeln die Vorwürfe an einer angeblich menschunwürdigen Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA) durch das Kreisjugendamt.

Um den Protest gegen diese „systematische Vernachlässigung von minderjährigen Geflüchteten“, so ein Faltblatt, an die Öffentlichkeit zu tragen, fanden sich am Sonntag rund ein Dutzend Aktivisten zu einer kleinen Demonstration vor dem Landratsamt in Kranichstein ein. Dem Vernehmen nach kommen viele der Protestierenden aus Helferkreisen im Frankfurter Raum, wo etliche der Jugendlichen zuvor untergebracht waren.

Seit Ende Oktober leben 60 Heranwachsende im früheren Kreispflegeheim an der Kreisklinik in Groß-Umstadt. Da sie ohne Erziehungsperson nach Deutschland reisten, gilt für sie nicht das Asylrecht, sondern das deutsche Jugendhilferecht. Dies sieht vergleichsweise üppige Standards vor, vor allem beim Betreuungsschlüssel. Während in Darmstadt-Dieburg auf rund 100 erwachsene Asylbewerber ein Betreuer kommt, soll für 1,8 unbegleitete Jugendliche jeweils ein Betreuer zur Verfügung stehen.

Das treibt freilich nicht nur die Kosten enorm nach oben. „Weit und breit finden Sie keine qualifizierten Kräfte mehr hierfür; wir haben deshalb Stellenanzeigen auch in anderen Bundesländern geschaltet, leider nicht gleich mit dem gewünschten Erfolg“, erläutert Jugendamtsleiter Otto Weber auf Anfrage.

Er sieht, wie auch die politisch zuständige Jugend- und Sozialamtsdezernentin Rosemarie Lück (SPD), den lauten Protest am Kreis deshalb mit ganz anderen Augen. Innerhalb weniger Wochen habe der Kreis auf Wunsch des Landes die 60 Plätze in Umstadt bereit gestellt. Wie die Kreisbehörde später in Erfahrung brachte, seien dabei 16 der Jugendlichen aus dem Drei-Sterne-Hotel „Höchster Hof“ nach Groß-Umstadt verlegt worden. Dass die dort zuvor erlebten Standards anschließend im früheren Pflegeheim nicht weiter geboten werden konnten, sei nachvollziehbar, heißt es aus dem Landratsamt. „Das Angebot, Wlan ins Pflegeheim zu legen, lag bei 50 000 Euro. Also suchten wir nach einer günstigeren Lösung, die in dieser Woche freigeschaltet wird“, geht der Jugendamtsleiter auf einen weiteren Kritikpunkt – „kein freier Internetzugang“ – ein.

Enttäuscht von ihrer neuen Unterkunft und der dortigen Betreuung und dem Essen, waren etliche Jugendliche kurzerhand wieder nach Frankfurt gefahren. Dort freilich erfuhren sie, dass sie nun im Kreis Darmstadt-Dieburg bleiben müssten. Ein fachlicher Austausch zwischen der Frankfurter Sozialverwaltung und deren Kollegen in Darmstadt-Dieburg über die gebotenen Standards schloss sich an. Die Frankfurter Behörde sei durchaus zufrieden sei mit der Arbeit in Umstadt.

„Es wird nicht aufgeräumt. Es wird nicht geputzt. Wir boykottieren das Abendbrot. Wir essen nichts. Wir werden so lange nichts essen, bis sich etwas ändert“, lautete am Montag der aktuellste Facebook-Eintrag. Jeden Abend Brot sei unzumutbar.

Die am Anfang geringe Betreuung werde Zug um Zug verbessert, schildert der Kreis: die Jugendlichen besuchen mittlerweile Integrationsklassen in Groß-Umstadt, Dieburg und Otzberg, wohin sie gefahren werden. Sie erhalten Deutschkurse und Freizeitgeräte, daneben zwei Mal im Monat Taschengeld; je nach Alter zwischen 47 und 60 Euro, in einer zweiten Auszahlung 52 Euro Kleidergeld. Zu ihrem Betreuten Wohnen gehört auch rund um die Uhr ein Sicherheitsdienst.

Für mehr als 200 unbegleitete Minderjährige ist der Kreis mittlerweile zuständig. „Wir bemühen uns, zu den Jugendlichen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit sie sich im Landkreis Darmstadt-Dieburg und auch in Groß-Umstadt wohlfühlen können. Das wird derzeit durch äußere Einflüsse Dritter behindert“, so Sozialdezernentin Rosemarie Lück.

„Systematische Vernachlässigung“ werfen die Protestierer hingegen dem Kreis vor und verweisen auf den Hungerstreik sowie Schnittwunden mit Rasierklingen, die sich die Jugendlichen zugefügt hätten, um auf ihre „verzweifelte Lage“ aufmerksam zu machen. (piz)

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