Der Laden von Rachid Azdi ist in Groß-Gerau zu einer Attraktion geworden.
+
Der Laden von Rachid Azdi ist in Groß-Gerau zu einer Attraktion geworden.

Groß-Gerau

Vom Trödler nix Neues

Rachid Azdi verkauft in seinem Laden „Nix Neues“ am alten Bahnhof in Groß-Gerau allerlei Krimskrams der vergangenen 130 Jahre.

„Das hier ist ein Museum“, ruft eine junge Frau begeistert, als sie den Laden „Nix Neues“ am alten Bahnhof betritt: Geklöppelte Spitzendeckchen liegen auf dem Jugendstilbuffet, darauf stehen barocke Porzellanfigürchen und geschwungene Keramikschalen im Art Decor Stil der 1920er Jahre. An den Fenstern hängen weiße Spitzengardinen, auf dem Fensterbrett steht eine alte Petroleumlampe, und an den hohen Backsteinwänden können auch 100 Jahre alte Schwarz-Weiß-Fotografien von Familien in rechteckigen und runden Bilderrahmen bewundert werden.

Wer alles wahrnehmen will, muss sich Zeit nehmen – zu viel Seltenes und Skurriles der vergangenen 130 Jahre gibt es auf 2500 Quadratmetern zu sehen.

Im nächsten Raum stehen große Holztische mit geschwungenen Beinen, darauf Porzellan-Kaffeeservices mit Blumendekor, alte Bücher und Schallplatten, Kommoden, Beistelltisch mit Holzintarsien, Anrichten sowie Küchen- und Kleiderschränke aus der Biedermeierzeit. Wand- und Kaminuhren, restaurierte Grammofone, Kronleuchter, alte Weinkisten, Wagenräder, historische Fahrräder, Nähmaschinen, Spinnräder, Eimer aus Emaille, Zinkwannen, geblümt-geschwungene Sofas, silberne Medaillons und goldene Amulette, verschnörkelte Stühle, Waschtische mit Marmorplatte und großem Spiegel. Im Hintergrund läuft Jazz- und Rockmusik von den zwanziger Jahren bis heute.

Außergewöhnliche Sammlungen

Wohn-Nostalgie pur mit antikem Charme und altem Trödel. „Ich schätze das Alte. Wenn die ganzen Sachen doch nur Geschichten erzählen könnten“, sagt der Chef. Er ist 42 Jahre alt und „en echte Sachsehäuser Bub“, der seit 16 Jahren in Mörfelden wohnt, wie er selbst erzählt.

Der Mann, der mit hessischem Dialekt und mit viel Liebe zum Detail den Trödelladen seit fast vier Jahren führt, heißt Rachid Azdi, ist Marokkaner und kam 1985 mit seiner Familie nach Frankfurt. „In Marokko bin ich Deutscher und in Deutschland ein Marokk’ – nur hier im Bahnhof bin ich Mensch“, sagt er.

Während er auf der Rampe der alten Güterhallen sitzt und Tee trinkt, erzählt er Geschichten aus seinem Trödelladen. „Was man hier erlebt, ist schon verrückt“, sagt er und berichtet beispielsweise von einem Anrufer, der nach gebrauchten Sexspielzeugen fragte.

Außerdem lernt der Händler in seinem Geschäft viele Sammler von ausgefallenen und außergewöhnlichen Dingen kennen: Die eine Kundin sammelt alte Puppen, der nächste Kunde sucht alte Fotografien oder Militaria. Zwischendurch kommen Studenten aus Mainz und Darmstadt, um sich ihre Wohngemeinschaft im Shabby-Chic-Stil einzurichten. Dazwischen kommen immer wieder Menschen, die den Trödelladen für einen Ein-Euro-Shop halten, beklagt Azdi. Weil die Sachen alt sind, wollten sie nichts mehr bezahlen.

Interessant war auch ein Nachmittag im Februar, als ein professionelles Fotografenteam Aktfotos einer jungen Frau vor den Güterhallen machte. Nachdem Rachid Azdi seinen Laden aufgeschlossen hatte und das Team den Trödelladen zum Aufwärmen nutzte, verlegten sie ihr Shooting geradewegs in das Innere der Bahnhofshallen.

Gemeinsam mit dem Bild- und Toningenieur Rüdiger Stingel aus Groß-Gerau probierte Rachid Azdi unlängst selbst ein spontanes Amateur-Fotoshooting mit der Handykamera aus – und war selbst überrascht von dem Ergebnis. „Jetzt vermiete ich die Räume auch für Fotoshootings“, sagt der „exotische Deutsche“. (eda)

Kommentare