Aus Sauermilchquark sind die Rohlinge, aus denen die hessische Spezialität reift.
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Aus Sauermilchquark sind die Rohlinge, aus denen die hessische Spezialität reift.

Käserei Horst Gross-Gerau

Seit rund 200 Jahren Handkäs’

Die Käserei Horst in Groß-Gerau dürfte die älteste, noch produzierende Sauermilchkäserei in ganz Deutschland sein. Hier gibt es Handkäse in der fünften Generation.

"Käserei Horst“ – der Schriftzug an der Mauer in der Groß-Gerauer Schützenstraße weist den Weg. Für alle, die Handkäse lieben, ist der Familienbetrieb eine erste Adresse. Der aus vorgereiftem Sauermilchquark hergestellte runde Käse – ob mit oder ohne Kümmel – hat in Groß-Gerau eine zweihundertjährige Tradition.

Hermann Horst, Geschäftsführer der Käserei mit kleiner Verkaufsstelle, leitet den Betrieb in fünfter Generation. „Wir dürften die älteste, noch produzierende Sauermilchkäserei in ganz Deutschland sein“, sagt der heutige Firmenchef.

Gerade nimmt er einen gut verpackten Handkäse aus dem Kühlschrank und reicht ihn an einen Kunden weiter. Der hat den Sommertag genutzt, um von Darmstadt zur Käserei Horst zu radeln – weil er zum einen gerne Rad fährt und zum anderen, weil er gern Handkäse isst. „Der Handkäse, den ich hier bekomme, ist unvergleichlich. Ich mache ihn mit Essig, Öl und Schalotten an oder esse ihn mit viel Kümmel direkt auf dem Brot“, erzählt er.

Freilich bekäme der Radler aus der Heinerstadt die Produkte der Käserei Horst auch im Käseladen am dortigen Marktplatz. „Wir liefern in die Region, beliefern den Kreis, Darmstadt, Rüsselsheim sowie Rheinland-Pfalz und andere Gegenden“, berichtet der Chef. „Verschickt wird der Käse vorwiegend im Herbst, um die Kühlkette zu gewährleisten.“

Zur Sommerzeit, wenn „Äppelwoi“ die Bembel füllt, ist „Handkäs mit Mussigg“ besonders beliebt. Woher der Käse kommt? „Es ging ursprünglich sicher um die Milchverwertung“, erklärt Hermann Horst. Für den Handkäse wird vorgereifter Sauermilchquark nach Mischen und Formung in den Schwitzraum gebracht. Dort reift der Käse gut zwei Tage und wird nach dem Abkühlen mit Streichbrühe, der sogenannten Rotschmierekultur, bestrichen. „Dann bleibt er noch ein, zwei Tage liegen, bevor er verpackt wird“.

Was den Apfelwein betrifft, der dazu gern getrunken wird, hat Michael Hamann, der Rüsselsheimer „Handkäs’-Ede“, eine Erklärung parat: „Der Handkäse wurde in Frankfurt nie produziert, ist aber dort groß geworden. Früher hatten die Leute hinterm Haus ihre Apfelbäume und so kam eins zum anderen.“ In Rüsselsheim richtet „Handkäs-Ede“ jedes Jahr ein Handkäs‘-Fest mit Rezept-Wettbewerb aus – in Groß-Gerau gibt’s dergleichen nicht.

Wiewohl die Herstellung hier schon im Jahre 1813 erwähnt wurde, wie Museumsleiter Jürgen Volkmann bei historischen Stadtführungen berichtet: Eine Frau namens Kaul aus der Schöneckenstraße brachte den selbst geformten Käse auf den Mainzer Markt. Später war’s wieder ein Groß-Gerauer Original, „Der alte Stier“, der Handkäse auf dem Frankfurter Markt anbot. „Um 1850 hatte die Herstellung im häuslichen Bereich großen Umfang erreicht“, sagt Hermann Horst. Aus Eschollbrücken kam Heinrich Sauerwald nach Dornberg und betrieb ein Geschäft mit Handkäse, den er auf dem Mainzer Markt anbot. Er vergrößerte den Betrieb in der Mainzer Straße, wo später die Wirtschaft „Zum Mainzer Rad“ entstand. „Hier hatte Sauerwald dann die erste Käserei größeren Stils, die zugleich erste Käsefabrik Groß-Geraus war.“

Bis zum Ersten Weltkrieg gab es 26 Käsebetriebe, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es noch fünf. „Geschichte schrieb die geniale Handkäseformmaschine von Peter Traiser aus dem Jahr 1893“, erzählt Firmenchef Hermann Horst. „Unsere Produktion erfolgt zum Teil noch nach überlieferten Rezepten, freilich mit modernen Maschinen.“ Im Stadtmuseum aber gehört ein historisches Exemplar aus der Käserei zu den Exponaten. lot

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