1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Kreis Groß-Gerau

Schönheitschirurgie im Schloss

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

ie schlechte Verkehrsanbindung von Schloss Heiligenberg führen Kritiker der Umbaupläne ins Feld.
ie schlechte Verkehrsanbindung von Schloss Heiligenberg führen Kritiker der Umbaupläne ins Feld. © jan schäfer

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg will den Ostflügel des Schlosses Heiligenberg für zwei Millionen Euro umbauen lassen.

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg lässt den Ostflügel des Schlosses Heiligenberg in Jugenheim für knapp zwei Millionen Euro zur Klinik für rekonstruktive Chirurgie umbauen. Das hat nun eine rot-grüne Mehrheit im Kreisparlament entschieden – gegen Kritik von anderer Seite.

Wie viele Kliniken in Deutschland stehen auch die Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg unter Kostendruck. Das Jahr 2013 wurde mit einem Minus von 7,5 Millionen Euro abgeschlossen; im Jahr zuvor waren es knapp zehn Millionen Euro Defizit. Ein Großteil des Fehlbetrags geht jedoch auf einen strategischen Umbau an den Standorten Groß-Umstadt und Jugenheim zurück. Die Kreiskliniken investieren kräftig, decken damit neue, zukunftsträchtige medizinische Felder ab, wie die Psychiatrie in Groß-Umstadt oder post-operative Beatmungsentwöhnung in Jugenheim.

Nun kommt eine weitere medizinische Expedition in Neuland hinzu, die zudem emotionalisiert: In Hotelambiente, so die Vorstellung, sollen auf Schloss Heiligenberg ein OP-Raum für kleinere Eingriffe sowie Patientenzimmer entstehen. Damit einhergehend wird die komplette plastische Chirurgie nach Jugenheim verlagert. Das schafft am Notfall-Standort in Groß-Umstadt Freiräume in überlasteten OP-Sälen.

Ausgaben bereits in zwei Jahren beglichen

Vier Patientengruppen werden unterschieden: Unfallopfer, denen etwa eine gebrochene Nase gerichtet wird; Beatmungspatienten aus der Jugenheimer Intensivstation, denen am Brustkorb das Sternum wieder hergestellt wird; medizinisch erforderliche chirurgische Eingriffe etwa bei Fettleibigkeit oder übergroßen Brüsten bei Frauen; zuletzt rein ästhetische Schönheitsoperationen.

Nur die kleineren Eingriffe können künftig auf Schloss Heiligenberg erfolgen; der Rest wird im nahen Fachkrankenhaus operiert. Seit Februar 2014 leitet mit Chefarzt Anton Lang ein renommierter Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie diesen erweiterten Zweig der Kreiskliniken.

Deren Businessplan war nun am Montag Grundlage der Entscheidung des Kreisparlaments. Demnach wird schon nach zwei Jahren das investierte Kapital von fast zwei Millionen Euro durch Einnahmen ausgeglichen sein; danach sollen jährlich zweistellige Gewinne entstehen. Zahlen, die CDU-Oppositionsführer Lutz Köhler anzweifelte. In seltener Übereinstimmung mit der Linkspartei und den Freien Wählern stimmte die CDU-Kreistagsfraktion erfolglos gegen das Vorhaben.

Interessant war die Stellungnahme der Grünen-Chefin Brigitte Harth. Sie begründete, warum ihre Fraktion für die Chirurgie stimme – und sie persönlich dagegen. „Schiefe Nase, kleine Brüste, dicke Bäuche, Falten: Was gemacht werden kann, wird gemacht. Der Anpassungsdruck – auch für den eigenen Körper – nimmt durch eine solche Klinik zu. Wir sollten eher auch Hässliches und Schwaches akzeptieren lernen“, sagte sie. Eine Haltung, für die ihr auch Projektbefürworter Respekt zollten.

„Ich persönlich habe mit rein ästhetischen Eingriffen ethisch auch so meine Schwierigkeit; was zählt, ist aber das Gesamtkonzept“, erwiderte Unfallarzt Mathias Göbel für die SPD-Fraktion. Leider trage sich die rekonstruktive Chirurgie allein nicht finanziell; ästhetische Eingriffe nach seriöser Beratung hinzuzunehmen biete sich also an.

Das größte Problem sahen er und weitere Befürworter in der dürftigen Verkehrsanbindung. Bedenken dazu sowie zu Lärm durch Umbau äußerte auch FDP-Sprecher Klaus-Jürgen Hoffie. Der Businessplan rechne jedoch nachvollziehbar schon im dritten Jahr einen Gewinn von 400 000 Euro vor: „Das rechtfertigt den Ausbau in einem Marktsegment, in dem sich im letzten Jahr weltweit fast zwölf Millionen Menschen einem kosmetischen Eingriff unterzogen haben.“ (piz)

Auch interessant

Kommentare