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Sebastian Kreß.

Rüsselsheim

Hilfe für mehr als 60 Wohnsitzlose

Rüsselsheim Zwei Straßensozialarbeiter bieten Obdachlosen Unterstützung an. Stadt und Diakonie kooperieren und setzen auf ein verändertes Konzept.

Als im vergangenen Juni in Rüsselsheim ein Spaziergänger eine männliche Leiche im Main in der Nähe des Landungsplatzes entdeckte, war die Identität des Toten zunächst unklar. Laut Polizei lag der zwischen 35 und 50 Jahre alte Mann wohl vier bis fünf Tage im Wasser. Vermisst wurde er nicht.

Später stellte sich heraus, dass der Unbekannte obdachlos war. In der Nähe des Mainufers hatte er sein Lager aufgeschlagen. Vermutlich geriet er in einem alkoholisierten Zustand ins Wasser und ertrank, rekonstruierten die Ermittler. Die Polizei fand später auch seinen Namen heraus. Der Mann stammte aus Chemnitz.

Aber über sein Schicksal ist wenig bekannt. Unter den Obdachlosen in Rüsselsheim kannte ihn so gut wie niemand. Auch nicht im Heim für Wohnsitzlose am Rugbyring. Was war dem Mann widerfahren? Wie kam er hierher? Das wird wohl nie ganz zu erfahren sein, wenn selbst der Tod eines Menschen, der in der Anonymität der Obdachlosigkeit gelebt hatte, beinahe unbemerkt blieb.

Fest steht: Bis zum Tod des Mannes gab es keine Hilfe für Obdachlose durch Straßensozialarbeiter. Sie kamen erst einen Monat später nach Rüsselsheim, um hier ihre Arbeit aufzunehmen – so wie es zwischen der Stadt und dem Diakonischen Werk vereinbart worden war.

Zuvor hatten die Stadtverordneten das Geld für dieses Projekt freigegeben. Rund 75 000 Euro schießt Rüsselsheim im Jahr für eine Stelle in der Straßensozialarbeit zu, die sich seit 15. Juli Tanja Preuß und Sebastian Kreß teilen.

In der vergangenen Woche wurden die beiden im Rathaus vorgestellt. Sebastian Kreß ist Sozialpädagoge und gerade erst mit dem Studium fertig. Er habe allerdings schon eine zweijährige Erfahrung in der Arbeit mit Obdachlosen – auch aus einer Mitarbeit in der Einrichtung der Wohnungsnotfallhilfe am Rugbyring, berichtet er.

Tanja Preuß ist Kinderkrankenschwester, Ergotherapeutin und Fachkraft für Palliativpflege. Abwechselnd sind beide im Stadtgebiet unterwegs. Dies ist ein entscheidender Unterschied zur Straßensozialarbeit, die es zwischen 2012 und 2016 schon einmal in Rüsselsheim gegeben hatte. Damals konzentrierte sich der Einsatz allein auf den Gemeindeplatz in der Innenstadt als Brennpunkt der Szene. Und auch die konzeptionelle Herangehensweise war eine grundlegend andere.

Damals sei es vor allem darum gegangen, gegen das „Störgefühl in der Innenstadt“ durch die Präsenz von Obdachlosen anzugehen, stellte Bürgermeister Dennis Grieser (Grüne) fest. Heute stelle die Stadt ihre Angebote dagegen breiter auf. Ziel sei es, Hilfe für die Menschen anzubieten, die ganz unten angekommen sind. Das gleiche gelte auch für die Präventionsarbeit.

Sebastian Kreß und Tanja Preuß suchen dabei die Orte auf, an denen sich Obdachlose meist aufhalten, ob am Marktplatz, im Verna-Park, am gesamten Mainufer, aber auch in den Außenbezirken am Berliner Platz oder am Einkaufszentrum Dicker Busch wie auch in vielen anderen Ecken.

Zahl der Betreuten wächst

Sie verschaffen sich einen Überblick über die Situation, lernen die Menschen kennen, um die es ihnen geht, bieten Hilfe an. „Wir reichen die Hand, können aber keinen zwingen“, sagt Tanja Preuß. Ihre Klientel ist zu 80 Prozent männlich, im Durchschnitt zwischen 40 und 50 Jahre alt. Rund 60 Wohnsitzlose haben sie in den zurückliegenden drei Monaten regelmäßig angetroffen – und es werden mehr.

Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen und auf der Straße landen, gebe es zwar auch, Obdachlosigkeit sei vor allem aber ein regionales Problem, sagte Kerstin König, Regionalleiterin Nord des Diakonischen Werks Rüsselsheim. Viele Menschen ohne festen Wohnsitz stammten von hier. Den „vagabundierenden Landstreicher von früher“ gebe es nicht mehr.

Die Ursachen für den Anstieg bei den Obdachlosenzahlen macht Lucian Lazar, Leiter des Diakonischen Werks Groß-Gerau/Rüsselsheim, einerseits daran fest, dass der Kreis ein Zuzugsgebiet sei. Gleichzeitig sei aber auch der hart umkämpfte Wohnungsmarkt schuld. Die Zunahme an psychischen Erkrankungen falle ebenso ins Gewicht.

Hätten die Stadt oder der Wohlfahrtsverband Kenntnis über den Mann am Main gehabt, wären dann die Sozialarbeiter möglicherweise schon früher gekommen? Ja, sagt Kerstin König. Sie sei ohnehin völlig überrascht, wie viele Obdachlose von den neuen Straßensozialarbeitern angetroffen wurden, von denen die Einrichtung zuvor überhaupt nichts gewusst habe.

Von Olaf Kern

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