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Um den Ausbau des Chemie-Tanklagers von Solvadis wird seit 2017 gestritten.

Wirtschaft

Protest gegen Tanklager-Ausbau am Gernsheimer Hafen

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Der Kreistag Groß-Gerau und die Stadt Gernsheim  beschließen eine Resolution gegen die Pläne von Solvadis. Das Frankfurter Unternehmen kritisiert Fehlinformationen.

Klebstoff, Hautcreme, Nagellackentferner: Die Fläschchen sind beim Pressegespräch auf dem Firmengelände fein säuberlich aufgereiht. In diesen Produkten sind Lösungsmittel wie Methanol oder Azeton enthalten, die unter Umständen aus dem Tanklager der Firma Solvadis Distribution in Gernsheim kommen und an Chemiekonzerne in der Region geliefert werden.

Gegen die Erweiterung des Tanklagers am Gernsheimer Hafen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Wohnbebauung macht längst nicht mehr nur die Bürgerinitiative (BI) „Bürger in Acht!“ mobil. Der Kreis Groß-Gerau hat in seiner jüngsten Sitzung eine Resolution gegen den Ausbau beschlossen und fordert „die Landesregierung/das Regierungspräsidium in Darmstadt auf, dem Antrag auf Erweiterung des Tanklagers (...) keine Genehmigung zu erteilen“. Der Kreistag schließt sich damit einem Beschluss des Gernsheimer Stadtparlaments an, dass die Behörden aufgerufen hat, die Genehmigung für den Ausbau des Chemielagers zu verweigern.

Der Kreistag erachtet es für „untragbar, dass Menschen und Tiere am Standort in Gernsheim noch größeren Gefahren als bislang ausgesetzt werden sollen“. Im Genehmigungsantrag sei von „sehr giftigen und hochentzündlichen Stoffen“ die Rede, die auf dem Betriebsgelände gelagert werden.

Das Unternehmen sieht sich indes als Opfer von Falschmeldungen. Die neuen fünf je 22 Meter hohen Tanks würden die vorhandenen um nur vier Meter überragen und seien damit immer noch niedriger als die Nachbarbebauung durch die Malzfabrik, sagt Betriebsleiter Georg Lammers. Zudem sollen in ihnen entgegen allgemeinen Annahmen „keine hochentzündlichen und sehr giftigen Stoffe“ gelagert werden, sondern „nur Methanol, das nicht hochentzündlich ist und nur in der Nebengefahr sehr giftig“, sagt Lammers. „Von den gleichen Stoffen, die wir bisher lagern, sind es die Harmlosen.“

Solvadis plant, seine Lagerkapazität um 75 Prozent zu erhöhen. Ziel ist, durch größere Tanks den Inhalt größerer Tankschiffe löschen zu können. Eine weitere Schienenanbindung für Bahnkesselwagen ist im Bau. Solvadis will den LKW-Transport reduzieren und so 50 000 Tonnen CO2 einsparen. 

Infos: www.solvadis.com

www.buerger-in-8.de  

Auch sei behauptet worden, man lagere Strontium. „Das ist falsch“, sagt Lammers. In der Tat stehen Strontium-Verbindungen auf der Produktübersicht des Solvadis-Konzerns. Allerdings ist für sie das Schwesterunternehmen Solvadis Specialties in Frankfurt zuständig. In Gernsheim hingegen lagern laut Lammers ausschließlich Petrochemiekalien. Zylol, Methanol, Azeton steht auf den großen Tanks, die sich auf dem Gelände reihen. Den Inhalt einiger kleinerer Tanks will Lammers nicht veröffentlicht wissen – wegen Wettbewerbsvorteilen, wie er sagt. Insgesamt gibt es 51 Tanks auf dem Areal, das der Explosionsschutzverordnung unterliegt. Handys sind nicht erlaubt, fotografiert werden darf nur in bestimmten Bereichen und nur unter Mitnahme eines Messgeräts für Gaskonzentration. Für das Betreten bestimmter Bereiche braucht es Sicherheitsschuhe mit Gummisohlen. Man halte höchste Sicherheitsvorkehrungen ein, sagt Lammers. Abfüllanlagen würden sofort stoppen, wenn es einen Fehler gebe. Zudem könne kein Gas beim Entladen der Schiffe freigesetzt werden, da es sofort zurückgepumpt werde. Auch die 19 Mitarbeiter würden regelmäßig geschult.

Aus dem Unfall 1994, als ein Blitz einen 15 Meter hohen Tank mit Methanol entzündete, habe man gelernt und Blitzschutzanlagen installiert. Für Lammers ist nicht nachvollziehbar, dass es nach 52 Jahren „guter Nachbarschaft“ plötzlich solche Konflikte gebe. Er vermutet, dass dies auch mit der Baumfällung der Stadt vor zwei Jahren zusammenhängt, als die Sicht auf die Tanks von den Wohnhäusern aus frei wurde.

Die neuen Tanks sollen die alten um nur vier Meter überragen, da sie teilweise in den Boden eingelassen werden sollen.

Laut den Gegnern aus der BI hätte nach heutiger Gesetzeslage (Seveso-Richtlinie) „ein Störfallbetrieb wie der Bestehende niemals so nah am Wohngebiet errichtet werden dürfen“. Deswegen haben sie nach dem Umweltinformationsgesetz Einsicht in die bisherigen Genehmigungen und Anzeigeverfahren seit 1996 gefordert, was ihnen das RP auch gewähren wollte. Allerdings hat Solvadis dagegen Klage vor dem Verwaltungsgericht eingereicht. Das Verfahren ist noch anhängig.

Zwischen Gernsheimer Hafen und Solvadis wird derzeit die Schienenanbindung erweitert.

Im Umweltausschuss des Landes stieß die Informationspolitik von Solvadis im März auf Kritik: „Damit werden die Sorgen der Anwohnern nur gesteigert,“ kommentiert die Grünen-Abgeordnete Nina Eisenhardt. Lammers sagte der FR dazu: „Die Unterlagen lagen bereits aus.“ Es gehe jetzt darum, Datenreihen zu veröffentlichen, die nicht zur Verfügung ständen. Andererseits habe man die BI und die Politik eingeladen, sich vor Ort zu informieren. Darauf habe niemand reagiert.

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