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Erika Raab wechselt von Darmstadt nach Groß-Gerau, wo sie Klinik-Geschäftsführerin wird.

Kreisklinik

„Patienten sind keine Fabrikstücke“

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Erika Raab wird neue Geschäftsführerin der Kreisklinik in Groß-Gerau und löst Reinhold Linn ab.

Der Chauffeur des Landrats des Kreises Groß-Gerau öffnet die Wagentür, und Erika Raab steigt ein. Es geht zum nächsten Termin. Für die 44-Jährige dürfte der gestrige Dienstag ein besonders stressiger Tag gewesen sein. Denn gestern wurde bekanntgegeben, dass sie am 1. April die Geschäftsführung der Kreisklinik Groß-Gerau übernimmt. Nachdem zunächst die Präsentation vor der Presse kurzfristig vorverlegt worden war, stand die Vorstellung vor den rund 500 Mitarbeitern der Klinik an.

Am selben Tag musste Raab ihrem bisherigen Arbeitgeber, dem Klinikum Darmstadt, mitteilen, dass sie aufhören wird. Dort leitet sie seit 2016 Konzernmanagement und Rechtsabteilung. Man habe die Zustimmung des Kreisausschusses abwarten wollen, sagte Landrat Thomas Will (SPD). Dieser habe sich am Montag mit breiter Mehrheit für Raab als Nachfolgerin von Reinhold Linn ausgesprochen. Der Wechsel sei kein „Schnellschuss“, erste Vor-überlegungen habe es bereits im Sommer gegeben, betonte der Landrat.

Ende vergangenen Jahres hatte die 2016 vom Kreis aufgefangene Kreisklinik mit 9,5 Millionen Euro Defizit eine Bilanz vorgelegt, die Landrat Will als „Ausreißer“ bezeichnete, war das Loch doch drei Millionen größer als erwartet. Der 68-jährige Linn hört nach eigenen Angaben aus familiären Gründen auf, steht aber noch bis Ende Juni beratend zur Verfügung. Linn hatte die Geschäfte der maroden Klinik Ende 2016 übernommen und in einem Masterplan zahlreiche medizinische Investitionen und personelle Neueinstellungen getätigt, um das 220-Betten-Haus zu modernisieren und aus den roten Zahlen zu holen. Erfolge kann er unter anderem mit steigenden Patienten- und Geburtenzahlen vorweisen. Auch das im Januar eröffnete Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) „brumme“, sagte Linn.

Erika Raab, unter anderem ausgebildete Juristin, Professorin für Medizincontrolling an der Medical School Hamburg, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Medizincontrolling, gebürtige Berlinerin und Sternzeichen Fische wie Linn, kündigte an, die Linie des bisherigen Geschäftsführers fortsetzen zu wollen. „Es geht mir um Kontinuität“, sagte sie. Bisher getätigte Investitionen – etwa in ambulanten Bereichen wie dem MVZ – seien notwendig und zukunftsweisend gewesen. Projekte, die Linn angestoßen habe, wolle sie fortführen. Einer potenziellen Fusion mit dem GPR-Klinikum Rüsselsheim erteilte sie, ebenso wie Landrat Will, eine Absage. Es gehe primär um die Menschen. Groß-Gerau habe große Flächenpozenziale, man könne konzeptionell viel ausbauen. Dabei sieht Raab die Aufgabe kleinerer Kliniken eher in der Ambulanz.

Auf die Frage, wie sie dem Millionendefizit entgegensteuern wolle, sagte sie, dies zu beantworten sei „ohne vertiefte Einblicke zu früh“. Man müsse zuerst sicherstellen, dass die Abläufe richtig sind, bevor man anfange zu sparen. Auch in punkto Abrechnung sieht Raab Potenziale: „Wir müssen unsere Leistungen richtig übersetzen, um uns das Geld von den Kassen zu holen.“ Sehr kritisch bewertet sie das derzeitige Abrechnungssystem nach Fallpauschalen. Die Bereitstellungskosten, die einem Krankenhaus entstünden, würden zu wenig berücksichtigt. Es werde mehr Geld ins System gesteckt als in die Medizin. „Wir wollen ein gerechteres System“, sagte Raab, die über ihre Tätigkeit bei der Deutschen Gesellschaft für Medizincontrolling einen Systemwechsel erreichen will: „Patienten sind keine Fabrikstücke.“ Dazu gebe es bereits Impulse aus dem Gesundheitsministerium.

Will kündigte an, bis Mai werde eine Vorlage erarbeitet, wie es mit der Klinik in den nächsten Jahren weitergehe. Man müsse klären, wie groß das Budget sei. Gleichzeitig betonte er: „Es geht um das Wie, nicht um das Ob.“

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