Blumenranken, Blätter und zwei Fasane zieren die historische Toilettenschüssel.
+
Blumenranken, Blätter und zwei Fasane zieren die historische Toilettenschüssel.

Stockstadt Keramik

Nobel-Schüssel mit Fasanen

Eine Historische Toilette wurde auf dem Hofgut Guntershausen entdeckt - Die „Fürstentoilette“ wird ab 23. März in den Museumsräumen des Verwalterhauses zu besichtigen sein.

Toilettenschüsseln gehören gemeinhin nicht zu den Gegenständen, die man aufmerksam betrachtet oder gar bewundert. Anders kann das sein, wenn ein Exemplar aus einer Zeit stammt, in der Toiletten mit Wasserspülung noch ein edler Luxusartikel waren. Eine solche Schüssel wird demnächst im Hofgut Guntershausen am Rand des Kühkopfgebietes zu sehen sein.

Die weiße Keramik trägt ein eingebranntes Dekor in blauer Farbe: Blumenranken, Blattwerk, prominent zwei Fasane. Die passen besonders gut zum einstigen Jagdgebiet Kühkopf – das Nobel-WC gehörte Cornelius Wilhelm Freiherr von Heyl zu Herrnsheim und befand sich im ehemaligen Herrenhaus des Hofguts Guntershausen. Hergestellt wurde die edle Keramik gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Wassertank im Dachgeschoss

Der Modellname „The Neptun“ verweist auf eine britische Herkunft. Bei der Toilette aus dem Herrenhaus handelt es sich um ein Stück der Marke „Cauldon“, wie Jörg Hartung vom Förderverein des Hofguts inzwischen herausgefunden hat. Produziert wurden diese Becken in den 1890er Jahren in der Grafschaft Staffordshire, wahrscheinlich von der Firma Brown-Westhead, Moore & Co.

Die Importware verschaffte dem Freiherrn also eine Toilette mit Spülung, während jenseits des Altrheins in Stockstadt noch lange Zeit Plumpsklos üblich waren. Kleines Problem: Fließendes Wasser gab auf dem Hofgut längst noch nicht. Also wurde zur Spülung der Toiletten eigens ein Wassertank im Dachgeschoss angebracht, aus dem das Nass nach unten rauschen konnte. Den Tank mühsam mit Eimern zu füllen, oblag den Bediensteten des Freiherrn.

So hatte der Freiherr von Heyl zu Herrnsheim seinen Besuchern eine beeindruckende und schön gestaltete technische Neuerung vorzuführen. Immerhin begrüßte er auf dem Hofgut so hochrangige Jagdgäste wie den russischen Zaren Nikolaus II., Prinz Heinrich von Preußen, Großherzog Ernst Ludwig von Hessen oder König Wilhelm II. von Württemberg. Angesichts solcher gekrönten Häupter bekommt die Redensart vom Platz, „wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht“, einen Sinn.

Nach mehreren Besitzerwechseln ging das Hofgut ans Land Hessen über, das Herrenhaus stand leer. Kurz vor dem unangekündigten Abbruch des Gebäudes in den 1970er Jahren wurde das Becken gerettet, von Thomas Gaudchau, Sohn des früheren Gutsverwalters. Bis vor Kurzem war es in einem Schuppen gelagert.

Ausstellung ab 23. März

Über die Stockstädterin Kerstin Wenner erfuhr Gaudchau, inzwischen Architekt in Bickenbach, vom Bemühen des Hofgut-Fördervereins, im Museum im einstigen Verwalterhaus Ausstellungen zu organisieren. Er entschloss sich, die keramische Rarität dem Verein für das Museum im Hofgut zu stiften.

Nach fast 40 Jahren kehrt die historische Armatur nun fast an ihren einstigen Standort zurück. Die „Fürstentoilette“ wird ab 23. März in den Museumsräumen des Verwalterhauses zu besichtigen sein, montiert auf ein Holzpodest. Dann können Besucher auf dem schönen Stück probesitzen – um sich für einen Moment lang wie ein Großherzog oder Zar zu fühlen. eda

Kommentare