Ein neues Bild von Deutschland

Mörfelden-Walldorf Enkelin einer Holocaust-Überlebenden berichtet

Von MAURICE FARROUH

Deutschland hat ihr alles genommen. Zwar überlebte Sylvia Lowy, heute 88 Jahre alt, die Vernichtungslager der Nazis, in die sie als 14-jähriges Mädchen geschickt wurde. Doch ihre Eltern und vier Geschwister starben. Das Mädchen überlebte - halb verhungert und erfroren, aufs Schwerste traumatisiert. Es ist also kein Wunder, dass Adina Lowy, ihre Enkeltochter, mit Deutschland bislang nichts Gutes verbunden hat. Mit 18-Jahren ist die Jüdin aus ihrer Heimat New York nun zum ersten Mal nach Deutschland gereist.

Die Reise auf den Spuren ihrer Großmutter, die von Ungarn nach Auschwitz und von dort in weitere Lager deportiert wurde, führt Adina auch nach Mörfelden-Walldorf. Hier, im KZ-Außenlager Walldorf, war Sylvia Lowy zusammen mit 1700 anderen Mädchen und Frauen aus Ungarn interniert. Nicht weit entfernt von dem früheren Lager sitzen Adina und ihre Freundin Aimee Steinmetz, ebenfalls eine amerikanische Jüdin, nun in einem Saal der Bertha-von-Suttner-Schule. Gut 40 Schüler der Klassen sieben bis 13 sind zu der Gesprächsrunde mit den beiden Mädchen gekommen, die Museumsleiterin Cornelia Rühlig und Lehrerin Margrit Geffert-Holl organisiert haben. "Dieser Besuch hat mein Bild von Deutschland völlig verändert", sagt Adina. Die New Yorkerin absolviert zurzeit ein Programm für Highschool-Absolventen in Israel an der Jerusalemer Universität, lernt dort Hebräisch und jüdische Geschichte.

Sie sei mit Vorbehalten nach Deutschland gereist, einem Gefühl des Unbehagens, sagt Adina. Doch alle Menschen, die sie hier treffe, seien unglaublich freundlich und fürsorglich. "You guys are the new Germans - Ihr seid die neuen Deutschen", sagt sie.

Die deutschen Schüler interessieren sich besonders für Adinas Großmutter Sylvia und wollen wissen, wie sie es geschafft hat, die Vernichtungslager der Nazis zu überleben. Und wie das heutige Deutschland in den Vereinigten Staaten wahrgenommen werde. Die Nazi-Vergangenheit sei leider immer noch sehr prägend für das in den USA vorherrschende Deutschlandbild, sagt Adina. Landsleute, die schlecht über Deutsche redeten, frage sie immer: "Hast du schon mal einen Deutschen getroffen?"

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