Rüsselsheim

Fit für den neuen Job

Jeder Mensch ist vermittelbar. Dieser Satz über den deutschen Arbeitsmarkt klingt durchaus provokant. Elisabeth Roosen, Projektleiterin des Selbstlernzentrums an der Volkshochschule Rüsselsheim, hält die Aussage für richtig.

Jeder Mensch ist vermittelbar. Dieser Satz über den deutschen Arbeitsmarkt klingt durchaus provokant. Elisabeth Roosen, Projektleiterin des Selbstlernzentrums an der Volkshochschule (VHS) Rüsselsheim, hält die Aussage für richtig. Zwei Voraussetzungen müssten allerdings erfüllt sein: Der Jobsuchende muss Bescheid wissen über seine Stärken und Schwächen und die Bereitschaft zeigen, sich auch auf Neues einzulassen. "Vielleicht stellt sich bei uns heraus: Jemand ist ein Nachtmensch und deshalb als Portier gut aufgehoben - das können nicht so viele", erklärt Roosen.

Solche guten Lösungen zu finden, war das Ziel eines Arbeitsmarktprogramms der VHS, das nach einem Jahr Laufzeit nun zu Ende gegangen ist. Die Rüsselsheimer Arbeitsagentur bilanziert: 70 Prozent der 200 Teilnehmer haben Arbeit gefunden. Eine Quote, die Arbeitsagentur-Leiter Heinrich Blumenstein besonders deshalb glücklich macht, "weil der Arbeitsmarkt erst seit kurzem wieder so aufnahmefähig ist".

Die Arbeitsagentur hatte die VHS beauftragt, ein Trainingscenter aufzubauen. Ziel des Angebots: "Wenn unsere Arbeitsvermittler einen Bedarf an Weiterbildung feststellen, bekommen die Kunden dort ein individuelles Angebot", erläutert Blumenstein.

Von Software bis Gabelstapler

Neun Module standen zur Auswahl, vom Gabelstaplerschein bis zum Training in aktueller Bürosoftware oder dem zeitgemäßen Stil von Geschäftsschreiben. Beratung für ansprechende Bewerbungen gibt es nebenbei. Eine Woche bis maximal acht Wochen gehen die Arbeitssuchenden zur Schulung.

Ilse Weiß (Name von der Redaktion geändert) erhielt die ausgedehnte Variante. Die letzten zwei Monate kam die gelernte Groß- und Einzelhandelskauffrau jeden Werktag zur VHS, um EDV-Kenntnisse und kaufmännisches Wissen zu erweitern. "Mein letzter Arbeitgeber hat mir Ende März gekündigt. Dort war ich in Teilzeit beschäftigt, eine Kollegin ebenfalls. Diese zwei Stellen sind jetzt zu einer Vollzeitstelle verschmolzen", erzählt die 55-Jährige.

Ihre Nachfolgerin ist eine jüngere Frau, die vielleicht zu günstigeren Konditionen eingestellt werden konnte. Gefallen hatte es Ilse Weiß in dem kleinen Betrieb ohnehin nicht mehr. Der neue Geschäftsführer habe eher persönliche Ziele im Blick gehabt: "Geld in die Tasche und dann Urlaub."

Da vergehe ihr die Freude am Arbeiten, schließlich wolle sie den Sinn ihrer Arbeit spüren, sagt Weiß. Nur Gutes berichtet sie von der Betreuung im Selbstlernzentrum. "Das war ein ganz tolles und nettes Team, auch was meine Mitschüler betrifft. Ich habe ungeheuer viel Input bekommen", lautet ihr Fazit.

Elisabeth Roosen ist sich sicher: "Die wird wieder was finden." Der richtige Biss sei entscheidend bei der Jobsuche, und den habe Ilse Weiß. Das gehobene Alter sei dann kein Hindernis mehr. "Außerdem sprechen die vielen Jobs in ihrem Arbeitsleben für Erfahrung", sagt Roosen.

Hilfe in Notlagen

Ilse Weiß ist aber auch in einer glücklicheren Situation, weil sie dank ihres Partners eine Zeit ohne Anstellung überbrücken kann. Wie ist es mit Teilnehmern in einer absoluten Notlage - ist deren Frust oder Verzweiflung verständlich? Das schon, findet die Leiterin, aber dafür gebe es dann auch spezielle Unterstützungen. "Wir helfen - etwa bei Problemen mit der Miete - damit der Kopf frei ist für neue Ziele."

Und hier gelte es, sich auch mit Jobs anzufreunden, die unbequemer sind oder schlechter bezahlt als die letzte Beschäftigung. Längst nicht jede Zeitarbeitsfirma sei ein Lohndrücker, ein solider Dienstleister könne das Sprungbrett in die Festanstellung sein. Ilse Weiß hat die ungewisse Zeit der Jobfindung noch nicht überstanden. Aber sie ist so zuversichtlich wie am ersten Tag des Trainings. "Bei mir hat es schon immer ganz schnell und plötzlich geklappt mit der Arbeit." (eda)

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