Gegen Spurenstoffe: Die Kläranlage in Mörfelden-Walldorf wird ausgebaut.
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Gegen Spurenstoffe: Die Kläranlage in Mörfelden-Walldorf wird ausgebaut.

Mörfelden-Walldorf

Mörfelden-Walldorf: Neue Filter gegen Mikroplastik

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Mörfelden-Walldorf baut als eine der drei ersten hessischen Kommunen in ihre Kläranlage eine vierte Reinigungsstufe ein.

Mikroplastik aus Zahnpasta, Arzneimittelrückstände und sonstige mikroskopisch kleinste Teilchen chemischer Stoffe, wie sie in Industrie, Privathaushalten und medizinischen Einrichtungen anfallen, können herkömmliche Kläranlagen nur unvollständig herausfiltern. Gerade im hessischen Ried mit seinen durchlässigen Sandböden „bekommen wir besondere Probleme mit Spurenstoffen“, da von hier 60 Prozent des Trinkwassers für das Rhein-Main-Gebiet kommen, sagte die hessische Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) am Dienstag bei einem Besuch in Mörfelden-Walldorf.

In der Doppelstadt im Kreis Groß-Gerau wird derzeit die Kläranlage saniert und mit einer vierten Reinigungsstufe ausgebaut. Mittels einer zusätzliche Filterung mit Ozon und Aktivkohle soll künftig das Wasser auch von Spurenstoffen befreit werden. Den Ausbau fördert das Land mit 4,6 Millionen Euro. Das sind 70 Prozent der förderfähigen Kosten, die nur für die zusätzliche Filterung anfallen.

„Durch die vierte Reinigungsstufe werden das Wasserschutzgebiet direkt unterhalb der Kläranlage sowie der Geräths- und Schwarzbach vor dem Eintrag von Spurenstoffen geschützt“, sagte Ministerin Hinz. Das wirke sich auf die Qualität des Grundwassers aus, das zur Trinkwassererzeugung und zur Beregnung von Äckern genutzt wird. „Durch die Verbesserung der Gewässerqualität leisten wir einen Beitrag zur Erreichung der Zielvorgaben der Wasserrahmenrichtlinie“, betonte die Ministerin.

Bürgermeister Thomas Winkler (Grüne) hofft nun, dass das benachbarte Langen (Landkreis Offenbach) bald nachzieht, denn das Walldorfer Trinkwasser kommt aus der Fließrichtung des Langener Kiesabbaus. Bislang gibt es hessenweit aber keine einzige entsprechend ausgebaute kommunale Kläranlage. Mörfelden-Walldorf leiste hier neben Büttelborn (Kreis Groß-Gerau) und Bickenbach (Kreis Darmstadt-Dieburg) Pionierarbeit, sagte Hinz. Alle drei Kommunen haben Zuwendungsbescheide erhalten. Längst seien nicht alle Spurenstoffe bekannt, geschweige denn erforscht. Auch mangele es an Grenzwerten, so die Ministerin.

Das Land hat deswegen 2018 eine „Spurenstoffstrategie“ aufgelegt, die Maßnahmen zur Reduktion von Mikropartikeln in Gewässern beschreibt. Neben der Sanierung undichter Kanäle und der ordnungsgemäßen Entsorgung von Altmedikamenten gehört auch der Ausbau von Kläranlagen zu den Kernmaßnahmen.

Doch dieser Ausbau ist teuer und die Kommunen müssen ihn wollen, denn Pflicht ist die vierte Reinigungsstufe noch nicht. In Mörfelden-Walldorf wird derzeit im laufenden Betrieb die komplette Kläranlage für 43,5 Millionen Euro kernsaniert und ausgebaut. In zwei Jahren soll die vierte Reinigungsstufe, deren Bau nächstes Jahr startet, in Betrieb gehen. Von der Reinigungsleistung her werde die Anlage „eine der besten in Hessen sein“, sagte Erster Stadtrat Burkhard Ziegler (Freie Wähler). „Man müsste das Wasser, das hinten rauskommt, trinken können.“

Doch das Vorhaben ist nicht unumstritten. Eine Kostensteigerung von ursprünglich 32 auf 43,5 Millionen Euro hat zu politischen Debatten geführt. Zudem werden die Abwassergebühren laut Bürgermeister Winkler 2023 auf 4,93 Euro pro Kubikmeter steigen. Das sei doppelt soviel wie 2017. Der in diesem Jahr neu gewählte grüne Rathauschef hält zudem die Dimensionen des Ausbaus für zu groß, wie er sagt.

In Verruf gerieten die Stadtwerke und die politisch verantwortlichen Akteure in Bezug auf die Kostensteigerung durch einen anonymen Brief, der zu Beginn des Jahres öffentlich wurde. Er schilderte angebliche Ungereimtheiten bei der Sanierung und der Vergabe von Aufträgen sowie interner Vorgänge bei den Stadtwerken. Ein Akteneinsichtsausschuss beschäftigt sich auf Antrag von DKP/Linker Liste und CDU seit Monaten damit und wird dies auch noch lange tun, vermutet Bürgermeister Winkler. „Es gibt noch viele Themen, die abzuarbeiten sind.“ Bislang habe der Ausschuss „noch nicht zu konkreten Ergebnissen geführt“.

Hintergrund

Bislang reinigen konventionelle kommunale Kläranlagen über eine dreistufige Abwasserbehandlungstechnik mechanisch, biologisch und chemisch. Spurenstoffe können besser über die vierte Reinigungsstufe mittels Ozon und Aktivkohle gefiltert werden. Das Verfahren wird vom Wasserverband hessisches Ried seit 40 Jahren angewendet. 

Die einzigen Kommunen in Hessen, die bereits einen Förderbescheid für die vierte Reinigungsstufe erhalten haben, sind Mörfelden-Walldorf, Büttelborn und Bickenbach. Diese Anlagen sind jedoch noch nicht in Betrieb. In Darmstadt , Langen und Weiterstadt wird die Antragstellung für den Ausbau derzeit vorbereitet. 

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