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Die kritisierte Darstellung an der Bahnhofsunterführung in Mörfelden-Walldorf.

Streit in Mörfelden-Walldorf

Jesus-Graffiti mit Stinkefinger provoziert

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Durch eine Jesus-Figur, die dem Betrachter beide Mittelfinger zeigt, fühlen sich Christen in Mörfelden-Walldorf in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Die Stadt verweist auf die Meinungsfreiheit und will das Graffiti stehen lassen.

Lange Haare, Bart, die Hände friedlich erhoben – so kennt man Jesus. Unerwartet kommt deshalb die Darstellung, die im Rahmen eines vom Jugendzentrum Mörfelden-Walldorf organisierten Graffiti-Jams an einer Bahnhofsunterführung entstanden ist und in den vergangenen Wochen für Debatten sorgte: Weil dieser Jesus dem Betrachter beide Mittelfinger zeigt und auf einem Trümmerhaufen steht, fühlen sich vor allem Angehörige der Freien evangelischen Kirchengemeinde in ihren religiösen Gefühlen verletzt und übten starke Kritik. Wie die Stadt mitteilte, sei es für die gläubigen Christen unvorstellbar, dass Jesus sich derart gebärden würde, auch, wenn diese Geste in der heutigen Zeit kein gesellschaftliches Tabu mehr darstelle.

Die Stadt beraumte einen Diskussionachmittag Anfang September vor Ort ein, „um in den Dialog zu treten“, wie Sprecher Hans-Heinrich Viehbrock sagte. Daran nahmen unter anderem Vertreter der Stadt, der Freien Kirche und eine Kunstklasse der Bertha-von-Suttner-Schule teil. Der Künstler, der aus Neu-Isenburg stammen soll, kam zur Diskussion nicht, was offenbar viele bedauerten. Er teilte laut Stadt aber mit: „Kunst stellt einen Bruch mit der Wirklichkeit dar, indem sie überspitzt, übertreibt und provoziert. Dadurch werden Denkprozesse in Gang gesetzt.“

Pfarrerin: Jesus hat seinerzeit auch provoziert

Diese Prozesse laufen derzeit offenbar bei der Freien Kirche, die am Mittwoch keine Stellungnahme abgeben wollte, „da man noch keine Zeit gehabt habe, sich darüber zu verständigen“.

Pfarrerin Meike Sohrmann von der Evangelischen Kirchengemeinde sagte auf Anfrage, sie könne verstehen, dass die Darstellung Gefühle verletzte, andererseits habe Jesus seinerzeit auch provoziert, allerdings eher mit seiner Nächstenliebe, die das Gegenteil der Geste mit den Mittelfingern sei. „Es ist aber nicht schlecht Diskussionen auszulösen und diese auch zuzulassen“, so die Pfarrerin.

Der Erste Stadtrat Burkhard Ziegler (Freie Wähler) stellte fest: „Die Meinungsfreiheit in Wort und Bild ist ein so hohes Gut, dass sie in unserem Grundgesetz geschützt ist. Ein Eingriff in diese Freiheit darf nur in begründeten Fällen erfolgen.“ Deshalb soll das Kunstwerk auf der Mauer in städtischem Besitz auch bestehen bleiben.

Anders lief es vor zwei Jahren mit der Darstellung eines Jugendlichen auf der Sporthalle Walldorf, der eine jointähnliche Zigarette hielt. „Aus dieser musste der Künstler einen Bleistift machen“, sagte Streetworker Philipp Gempe, der regelmäßig Graffiti-Jams betreut. Dass der Jesus für Diskussionsstoff sorgen würde, sei ihm klar gewesen. Aber er betonte, dass man niemanden habe persönlich beleidigen wollen.

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