60 Jahre lang lagerten in den alten Bunkern bei Mörfelden-Walldorf Munition und Waffen der Amerikaner.
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60 Jahre lang lagerten in den alten Bunkern bei Mörfelden-Walldorf Munition und Waffen der Amerikaner.

Mörfelden-Walldorf

Entdeckungstour ins Sperrgebiet

Das ehemalige Munitionsdepot der US-Armee wird renaturiert - als Ausgleichsmaßnahme der Fraport für den Flughafenausbau. 31 der ehemals 33 Betonbunker sind mittlerweile verschwunden. Dennoch kann ein aufmerksamer Besucher Spuren aus der Vergangenheit entdecken.

Jemand hat das Wort Fledermausbunker quer über die fleckige Betonwand gesprüht. Auf dem rostigen Tor daneben klebt ein Bild des Tiers, das hier bald überwintern soll, verbunden mit dem Hinweistext, dass ein Einbruch sich nicht lohne: „Momentan handelt es sich um einen vollkommen leeren Raum von ca. 50 m².“ Von den brisanten Gütern, die bis zur Mitte der 90er Jahre dort lagerten, ist nichts zurückgeblieben.

Während des Kalten Krieges diente ein rund 100 Hektar großes Gelände bei Mörfelden-Walldorf als Munitionsdepot der Amerikaner. Sechs Jahrzehnte war es der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Erst im Mai wurde der Zaun um das Gelände abgebaut. Als Ausgleichsmaßnahme für den Ausbau des Frankfurter Flughafens hatte sich die Fraport dazu verpflichtet, das Gelände zu renaturieren.

31 der ehemals 33 Betonbunker, 43 gemauerte Lagerhäuser und ebenso viele Holzschuppen sind mittlerweile aus dem Wald verschwunden. Dennoch kann ein aufmerksamer Besucher Spuren aus der Vergangenheit entdecken. „Ein Denkmal unserer Geschichte und Mahnmal gegen den Krieg“, nennt Magistratsmitglied Thomas Winkler von den Grünen die Überbleibsel.

„Ein paar Tage rumgekraucht“ sei er in dem weitläufigen Gelände, erzählt er und präsentiert als Ergebnis seiner Bemühungen einen handgezeichneten Lageplan des ehemaligen Munitionsdepots. Akribisch sind darauf die Positionen aller Bauten einschließlich der Fahrzeugunterstände registriert.

Luxhohlteich reaktiviert

Besucher folgen am besten der Helenenbrunnenschneise, die den Amerikanern als Zufahrt zum Depot diente. Eine Schranke versperrt Autos den Weg von der Bundesstraße 486. Das Tor, das jahrzehntelang scharf bewacht wurde, ist dagegen verschwunden. Kleine Erdwälle zu beiden Seiten des asphaltierten Wegs verraten seine ehemalige Position.

Schnurgerade führt die Schneise ins Zentrum des Geländes, bis linkerhand der Luxhohlteich auftaucht. Das verlandete Gewässer wurde ausgebaggert und soll künftig als Laichgewässer für Amphibien dienen. Vorerst vergnügen sich darin ein paar Stockenten. Von den riesigen freien Flächen zu beiden Seiten lassen sie sich nicht stören. Dort standen die elf größten, neueren Bunker. Wer dem rundum führenden Asphaltweg folgt, erhält einen plastischen Eindruck von den Dimensionen des Depots. „Die Muna in Münster ist ja immer in aller Munde“, sagt Winkler und meint die einst von der Wehrmacht erbaute Munitionsanstalt bei Dieburg, „aber das Gelände hier war etwa doppelt so groß.“

Gegenüber dem Luxhohlteich wurde bei den Abrissarbeiten das Betonfundament eines Lagerhauses vergessen. Mehr Eindruck machen die zwei Betonbunker, die ein Stück weiter nördlich in einer quer laufenden Schneise erhalten blieben und bald den Fledermäusen als Heimat dienen sollen.

Die Dächer der klobigen Bauten wurden von den Amerikanern mit Erde bedeckt und sind von Pflanzen überwuchert. Aus der Luft lassen sie sich vom umgebenden Wald praktisch nicht unterscheiden. Auf einem Tor, von dem die Farbe blättert, sind immer noch zwei Telefonnummern zu lesen, unter denen „in case of emergency“, also im Notfall, jederzeit ein Vorgesetzter zu erreichen gewesen wäre. Seiner Vorwahl nach saß er in Griesheim.

Was genau in den Bunkern lag, weiß auch Winkler nicht zu sagen. Natürlich kennt er die Gerüchte, die sich früher um das Gelände rankten. ABC-Waffen sollten sich dort befinden – eine Vermutung, die besondere Sorge erregte, weil im Wald Trinkwasser gefördert wird. „Da hieß es dann: Wenn denen mal was verschütt’ geht, haben wir’s im Brunnen“, erinnert er sich. Der Aufbau des Depots spreche allerdings dafür, dass ausschließlich konventionelle Waffen gelagert worden seien.

Für Verschwörungstheoretiker

Anhänger von Verschwörungstheorien gehen dennoch nicht leer aus: Im Norden grenzt eine amerikanische Radarstation an das aufgegebene Areal, die weiterhin in Betrieb ist. Neuerdings wird sie sogar ausgebaut. Durch den hohen Zaun lassen sich Satellitenschüsseln und ein Antennenwald erkennen. Früher, verrät Winkler, wurde dort mit US-Agenten kommuniziert. Und heute sprächen die Leute des privaten Sicherheitsdienstes, die das Gelände rund um die Uhr bewachen, unverblümt von einem Sitz des amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes CIA. ( eda)

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