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Wolf Emmer gibt sein Wissen bei Führungen weiter.

Mörfelden-Walldorf

Leidenschaft für Fledermäuse

Wolf Emmer ist der Fledermausansprechpartner im Kreis Groß-Gerau. Wenn es einen Fledermaus-Notfall gibt, ist er zur Stelle und kümmert sich um die verletzten Tiere.

Das Handy klingelt um 6 Uhr morgens. Die Frauenstimme am Ende der Leitung klingt aufgeregt: „Kommen Sie bitte nach Mörfelden. Ich habe eine Fledermaus gefunden. Die ist voll mit klebrigem Zeug.“ Wolf Emmer notiert sich die Adresse und springt in sein Auto. In der kleinen, schwarzen Erste-Hilfe-Box im Kofferraum hat er alles für einen Fledermaus-Notfall: Handschuhe, eine Transportbox, Pipetten und einen ausziehbaren Spiegel. Denn der 50-Jährige kommt jeder Fledermaus im Rhein-Main-Gebiet zu Hilfe. „Wenn eine Fledermaus gefunden wird, stimmt etwas nicht. Entweder ist sie krank oder hat mit einer Katze gespielt“, sagt Emmer.
Seine Leidenschaft für die kleinen Säugetiere entbrannte vor 15 Jahren. Er besuchte mit seinem damals achtjährigen Sohn Max eine Fledermauswanderung im hessischen Naturschutzgebiet Kühkopf. „Danach wollte ich mehr wissen. Also habe ich mir Bücher und meinen ersten Fledermausdetektor gekauft“, erinnert er sich. Im Jahr 2000 ist Emmer der Nabu-Ortsgruppe Walldorf beigetreten und fand beim Arbeitskreis „Fledermausschutz“ Gleichgesinnte. Heute ist Emmer Fledermausansprechpartner im Kreis Groß-Gerau.


Alle Arten auf der Roten Liste


Seit gut 15 Jahren nimmt er jedes Jahr rund 650 Besucher mit auf eine Wanderung durch die geheimnisvolle Welt der Fledermäuse. Er möchte über die kleinen Kerle, wie er sie nennt, aufklären. Das gelingt ihm auch, denn Emmer ist ein Entertainer: „Die Leute haben nichts davon, wenn ich ihnen lateinische Namen erzählen. Sie wollen Geschichten hören, unterhalten werden.“ Für das jüngere Publikum hat er sich ein Lernspiel ausgedacht: Er wirft den Kindern im Dämmerlicht Gummibärchen zu, die sie mit dem Mund auffangen sollen. So zeigt er, wie Fledermäuse mit ihrem Echo-Ortungssystem Beute jagen.
Wolf Emmer parkt vor einem roten Haus mit silbernem Tor. Er wird von einer älteren Dame in Empfang genommen. Sie stellt sich als Ruth Stamm vor und führt ihn zu dem kleinen Tier, das auf einem Tisch liegt. Es atmet schwer, kann sich nicht bewegen. Die Flügel sind voller Bauschaum. Emmer zieht Einweg-Handschuhe an und hebt das Tier vorsichtig hoch: „Das ist eine Kleine Bartfledermaus. Eigentlich sind die sehr lebhaft und zickig.“ Doch sie ist still. Ihr Herz schlägt schnell. Emmer drückt sie für einen Moment an seine Brust. Ein regelmäßiger Herzschlag beruhige sie, meint er. Und tatsächlich, ihr Puls wird langsamer. Er träufelt dem Tier etwas Wasser ins Maul. Es trinkt hastig. Emmer vermutet, dass der Bauschaum dem acht Gramm leichten und fünf Zentimeter großen Körper das Wasser entzieht.
Er fährt zu Ute Wernicke nach Obertshausen. Sie kümmert sich um die besonders schweren Fälle. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es zehn Personen, die sich mit Fledermausnotfällen und ihrer Pflege auskennen. Dafür braucht man eine Sondergenehmigung von der Unteren Naturschutzbehörde, denn alle Fledermausarten stehen auf der Roten Liste.
In Obertshausen angekommen, übernimmt Ute Wernicke die Kleine Bartfledermaus. „Was mit ihr passiert, liegt nun in ihren Händen“, sagt Wolf Emmer mit Ernst. Mit Olivenöl, Wattestäbchen und einer Menge Geduld versucht Wernicke den harten Bauschaum aus dem Fell der Fledermaus zu lösen. Schließlich setzt sie aber zu einer Ganzkörperrasur an.
Nach sechs Wochen klingelt bei Emmer wieder das Handy. Es ist Ute Wernicke mit einer guten Nachricht: Die Kleine Bartfledermaus ist gesund, ihr Fell vollständig nachgewachsen. Am gleichen Abend holt Emmer die Fledermaus ab und bringt sie zu dem Ort, an dem sie gefunden wurde. Er nimmt das Tier vorsichtig mit Handschuhen aus der Transportbox. Sie zappelt und beißt um sich, wie es für diese Art typisch ist. Emmer öffnet seine Hände. Die Kleine Bartfledermaus spannt ihre Flügel auf und verschwindet in der Dunkelheit. „Genau wegen solcher Momente mach’ ich diese Arbeit“, sagt Wolf Emmer zufrieden und grinst. eda

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