1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Kreis Groß-Gerau
  4. Kelsterbach

Kelsterbach: 37 Kinder mit Behinderung aus der Ukraine gerettet

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Claudia Kabel

Kommentare

Die staatliche Verwaltung der Stadt Kiew berichtet über die Evakuierung von Kindern mit Behinderungen nach Europa. Ein Schaffner hilft beim Einstieg in den Sonderzug.
Die staatliche Verwaltung der Stadt Kiew berichtet über die Evakuierung von Kindern mit Behinderungen nach Europa. Ein Schaffner hilft beim Einstieg in den Sonderzug. © Staatliche Verwaltung der Stadt

Bei einer privaten Rettungsaktion werden 37 ukrainische Kinder mit Behinderung aus Kiew evakuiert. Jetzt sind sie in Kelsterbach in einem Hotel. Doch dort können sie nicht bleiben.

Mehr als 20 Stunden im Zug, ohne Licht, aber voll Angst beschossen zu werden: Als der Sonderzug aus Kiew mit 37 schwerstbehinderten Kindern und ihren Familien im polnischen Chelm ankommt, sind die Kinder in einem schlechten Zustand. „Sie waren total verängstigt und verstört“, erzählt Michael A. Binner der Frankfurter Rundschau. Doch ihre Reise war noch nicht zuende.

Der Unternehmer aus München und sein Bekannter René Siegert, der ehrenamtlich in der Krisenintervention tätig ist, entschieden sich im März, einem Hilferuf der Stadtverwaltung Kiew zu folgen, der Binner über sein Netzwerk in der Ukraine erreicht hatte. Es folgte eine private Rettungsaktion von Kiew nach Kelsterbach im Kreis Groß-Gerau, die in Hessen beispiellos sein dürfte. Am 23. März berichtete auch die Verwaltung der ukrainischen Hauptstadt auf ihrem offiziellen Portal über die Rettungsaktion der 37 Kinder. Der Samariterbund der Ukraine habe die Aktion unterstützt. Bisher seien aus Kiew 1200 behinderte Kinder nach Europa evakuiert worden.

Evakuierung von ukrainischen Kindern mit Behinderung aus Kiew: Ankunft im polnischen Chelm.
Evakuierung von ukrainischen Kindern mit Behinderung aus Kiew: Ankunft im polnischen Chelm. © privat

Kelsterbach: 130 Menschen in Reisebussen an Grenze abgeholt

Von Binner und seinen Unterstützerinnen und Unterstützern wurden insgesamt 130 Menschen aus dem Kriegsgebiet geholt – 37 Kinder mit Beeinträchtigung, ihre 26 Geschwister und die Eltern. Sie wurden nach ihrer Ankunft an der polnisch-ukrainischen Grenze mit einem Rettungswagen des ASB Jura und vier Reisebussen nach Deutschland gebracht. Laut Binner hatten die Kinder nicht zentral in einer Einrichtung gelebt, sondern bei ihren Familien. Deshalb habe sich ihre Rettung schwierig gestaltet. Allein der Umstieg aus dem Zug in die Busse sei eine Herausforderung gewesen. Sechs Stunden hätten die Familien noch im Zug ausharren müssen. Auch viele andere Flüchtende seien am Bahnhof gewesen. Das polnische Militär und Rettungskräfte hätten geholfen, die Leute auf die Busse der Rettungsaktion zu verteilen. „Die Menschen wussten gar nicht genau, wohin sie gebracht werden“, sagt Binner. 22 von ihnen saßen im Rollstuhl, auch Kinder aus dem autistischen Spektrum seien dabei gewesen. Ein Mädchen im Rollstuhl habe von fünf Feuerwehrleuten umgeladen werden müssen, ein spastisch gelähmtes Kind sei liegend im Rettungswagen transportiert worden.

Hilfe für ukrainische Geflüchtete

Das hessische Gastgewerbe leistet seit Ausbruch des Krieges Unterstützung bei der Unterbringung und Verpflegung von Geflüchteten.

Mitglieder des Dehoga Hessen haben bisher Platz für 10 000 Menschen gestellt. Außerdem versorgen sie Geflüchtete mit Essen und helfen bei Behördengängen. Infos unter: www.dehoga-hessen.de/ukraine

Die Stadt Kelsterbach sucht Neurologen, Physiotherapeuten, inklusive Angebote und Unterkünfte für Familien mit behinderten Kindern. Kontakt unter Telefon 06107 /773 309 oder E-Mail an m.ockel@kelsterbach.de

Unterstützt wurden Binner und Siegert von zahlreichen Spender:innen, von Unternehmen, Verbänden und Hilfsorganisationen. Auch der Hotel- und Gastronomieverband Dehoga Hessen beteiligte sich. Die Unterbringung in Kelsterbach ermöglichte die HR Group, einer der größten Hotelbetreiber Deutschlands, der kurzerhand ein komplettes Hotel zur Verfügung stellte. „Diese Kooperation war ein Glücksfall, denn ohne die gesicherte erste Anlaufstelle im Hotel in Deutschland hätten wir die Kinder, die ein ganz besonderes Maß an Sicherheit und Betreuung brauchen, nicht evakuieren können“, so Binner. Feldbetten in einer Erstaufnahmeeinrichtung wären nicht der richtige Ort gewesen. Erst als die Unterbringung gesichert war, habe man mit den Behörden vor Ort in Kontakt treten können.

Evakuierung von Kindern mit Behinderung von Kiew nach Kelsterbach.
Evakuierung von Kindern mit Behinderung von Kiew nach Kelsterbach. © privat

Kelsterbach: Bundesweit werden geeignete Einrichtungen für die Familien gesucht

Kelsterbach hat laut Bürgermeister Manfred Ockel (SPD) mehr als 250 Geflüchtete aus der Ukraine in fünf Einrichtungen aufgenommen. Für die behinderten Kinder und ihre Familien gelte es nun, bundesweit geeignete Einrichtungen zu finden, die auch dem sonderpädagogischen Hilfsbedarf der Kinder gerecht würden, erklärt Ockel der FR. Dafür sei Flexibilität und der Wille zur unbürokratischen Hilfe aller Akteure gefragt. Man sei auch in Kontakt mit dem hessischen Sozialministerium. Die Bürokratie sei allerdings nicht auf eine solche Situation eingestellt.

Kelsterbach: Viele Kinder brauchen medizinische Versorgung

Viele der Kinder seien schwer krank, einige hätten zeitweise bereits in hiesigen Kliniken versorgt werden müssen, würden Medikamente einnehmen, schildert der Bürgermeister. Arztbriefe und Pässe seien in kyrillischer Schrift, die zuerst übersetzt werden müssten. Man bräuchte auch dringend Neurologen und Physiotherapeuten. Viele Fragen würden sich wegen den Behinderungen stellen, sagt Ockel, zum Beispiel, wie die Kinder inklusiv beschult werden könnten, oder wo es inklusive Kitas oder Betreuungsangebote gebe, damit auch die Mütter eine Chance hätten, sich zu erholen.

Rettung von ukrainischen Kindern mit Behinderung nach Kelsterbach: Reisebusse und ein Krankenwagen des ASB transportieren die Kinder mit ihren Familien von Polen nach Deutschland.
Rettung von ukrainischen Kindern mit Behinderung nach Kelsterbach: Reisebusse und ein Krankenwagen des ASB transportieren die Kinder mit ihren Familien von Polen nach Deutschland. © privat

Die Hilfsbereitschaft vor Ort ist indes groß. Laut Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Dehoga, gehen im Hotel regelmäßig Spenden von Hygieneartikeln, Kleidung, Spielzeug und sogar Waschmaschinen und Trockner ein. Gespendet von Menschen, die von der Aktion gehört hätten und ohne großes Aufsehen helfen. Auch die Diakonie beteilige sich.

Bisher habe man eine Familie in eine neue Unterkunft vermitteln können, fünf weitere Angebote gebe es, sagt Binner. Denn die Familien könnten längstens bis Mitte Juni in dem Hotel bleiben. Es sei nicht darauf ausgelegt, die Kinder zu versorgen. Vieles sei improvisiert. Deswegen habe man sich mit der Aktion nun an die Öffentlichkeit gewandt. „Wir brauchen dringend Unterstützung“, bittet Binner.

Auch interessant

Kommentare