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2002 kam Rissenberg aus der Ukraine nach Deutschland.

Groß-Gerau

Der heimliche Poet

Die meisten kennen ihn nur als Hausmeister. Dass Yuriy Rissenberg auch Schriftsteller ist, wissen nur wenige. Seine Romane und Gedichte hat Rissenberg unter dem Namen Yuriy Berg veröffentlicht.

Der 62-Jährige ist dankbar für die Hausmeisterstelle im Groß-Gerauer Landratsamt, die ihm seit 2006 hilft, seine Existenz zu sichern. Die Arbeit als Hausmeister sei ideal für ihn, sagt Rissenberg. „Ich arbeite mit den Händen und habe den Kopf frei. Zettel und Stift trage ich bei mir, um Einfälle rasch zu notieren“, verrät er.

Rissenberg wurde 1948 als Sohn deutschstämmiger Eltern in der Ukraine geboren. Eher zufällig sei er, der 2002 nach Deutschland kam, im Rhein-Main-Gebiet geblieben, sagt Rissenberg. Seitdem führt der russischsprachige Autor ein Leben mit Tag- und Nachtseite: „Von halb sieben bis 16 Uhr bin ich Hausmeister, dann schreibe ich.“

Rissenberg hat nach dem Studium zum Bauingenieur in der Ukraine parallel als Fotoreporter, Journalist, Schriftsteller und Poet gearbeitet. „Wenn du dich den Herrschenden nicht an den Hals wirfst, ernährt dich das Schreiben in der Ukraine nicht“, sagt Rissenberg. Er fügt hinzu: „Schreiben ist ein hartes Brot und zugleich das höchste Glück.“ Rissenbergs deutsche Aussprache ist gebrochen, er tastet nach Worten. „Mein Vater war Offizier und Kommunist, Deutsch zu sprechen war uns verboten“, erzählt Rissenberg. Er bedauert das, habe er dadurch doch erst spät seine deutschen Wurzeln aufgespürt. Dass er nach Deutschland kam, hatte zwei Gründe: Die wirtschaftliche Situation in der Ukraine sei schlecht, sagt er. „Ich habe zwei Söhne, konnte die Familie nicht ernähren.“ Zum Zweiten habe er sich auf seine Herkunft besonnen.

Seine Romane und Gedichte hat Rissenberg unter dem Namen Yuriy Berg veröffentlicht – in kyrillischer Schrift. Einen kurzen Prosatext zieht Rissenberg unter Manuskripten hervor: Der Darmstädter Klaus Kleinmann hat ihn ins Deutsche übersetzt. „Dame mit Handtasche“ heißt die Arbeit, für die Rissenberg, wie er sagt, die Silberne Feder beim internationalen Wettbewerb „Die schreibende Ukraine“ bekommen hat. Neben weiteren Ehrungen habe er am 30. Oktober 2010 die „Goldene Feder Russlands“ gewonnen. Er verfasse als Korrespondent und Fotograf Reportagen für das Magazin Tengri der Kasachischen Fluglinien und für andere Zeitschriften, und arbeite an einer Reportage fürs russische Fernsehen, sagt Rissenberg. Seine literarischen Arbeiten würden in russischsprachigen Medien Deutschlands und Österreichs sowie in Russland und Kasachstan veröffentlicht, erzählt er.

„Es wäre schön, ich wäre deutschen Lesern bekannt, aber ich kann keinen Übersetzer bezahlen“, sagt er. „Für den Arbeitsmarkt bin ich zu alt, mein Deutsch ist noch nicht gut. Deshalb ist die Hausmeisterstelle für mich ideal.“

Und wenn er sich nun etwas wünschen dürfte? Yuriy Rissenberg lächelt: „Ich will nur schreiben, schreiben, schreiben.“ (lot)

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