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Galloway-Rinder in Riedstadt: Wiederkäuende Naturschützer

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Typisch Galloway: hornlos mit lockigem Fell.
Typisch Galloway: hornlos mit lockigem Fell. © Renate Hoyer

Die Beweidung mit Galloway-Rindern auf städtischen Grünflächen bewährt sich in Riedstadt (Kreis Groß-Gerau). Die Tiere sorgen mit ihrem Hunger für Artenvielfalt.

Riedstadt - Sie fressen, entlasten dadurch die Beschäftigten des städtischen Bauhofs und tun nebenbei auch noch etwas für die Artenvielfalt: Die Stadt Riedstadt setzt Galloway-Rinder ein, um Grünflächen zu „mähen“. Im vorigen Jahr war diese Beweidung noch ein Pilotversuch. Inzwischen haben sich die tierischen Helfer mit dem lockigen Fell so sehr bewährt, dass sie jetzt auf weiteren Arealen zum Einsatz kommen.

Anfang September 2021 weideten erstmals zwei Galloway-Rinder und ein Kalb im Stadtteil Goddelau auf dem ehemaligen Reitplatz, der innerorts nahe einem kleinen Neubaugebiet brachlag. „Innerhalb von acht Wochen hatten sie die Fläche heruntergefressen“, sagt Reinhold Schneider, der mit seinem 36-jährigen Sohn Sascha diese hornlosen Tiere hält.

Galloway-Rinder in Riedstadt (Kreis Groß-Gerau): „Landwirtschaft, wie man sie früher betrieb“

Kosten für die Beweidung entstanden der Stadt nicht – im Gegenteil: Der Bauhof konnte sich die Mahd sparen. Für den Landwirt dagegen war es vorteilhaft, dass er nicht zufüttern musste. „Das ist Landwirtschaft, wie man sie früher betrieb, als die Bauern ihre Tiere noch auf den Weiden, statt in den Ställen hielten“, sagt Holger Schanz, Leiter des Umweltamts in Riedstadt. Die Vorteile der Beweidung wurden quasi noch potenziert, weil es für Groß und Klein auf der Grünfläche in dem kleinen Neubaugebiet ein kostenloses Hautnaherlebnis gab.

In diesem Jahr setzte die Stadt die Kooperation mit den beiden Züchtern deshalb fort und überließ ihnen erneut die innerorts gelegene Grünfläche. Die Herde der Schneiders war mittlerweile von zwei im Januar 2021 angeschafften Tieren auf 14 Tiere angewachsen. Diesmal durften sich zwei Kühe und zwei Kälber auf rund 7000 Quadratmetern am alten Reitplatz gütlich tun.

Galloway-Rinder im Kreis Groß-Gerau lassen jene Stängel stehen, die ihnen nicht schmecken

Das Fazit zum Pilotprojekt fiel auf beiden Seiten so positiv aus, dass die Rinder nun noch mehr Arbeit für die Stadt verrichten dürfen. Derzeit weiden außerorts acht Galloways auf einer verpachteten Grünfläche im ehemaligen Neckarbett, das so heißt, weil der Neckar vor Hunderten von Jahren dort verlief. Die früheren Weiden und Wiesen sind mit Schilf, Röhricht und Brennnesseln zugewachsen – genau das Richtige für die genügsame Rasse.

Rund sechs Wochen werden die Tiere wohl brauchen, um die 13 000 Quadratmeter hinter dem Wäldchen am Geflügelzuchtverein im ehemaligen Neckarbett zu pflegen, schätzt der 65-jährige Landwirt. Wobei man das Wort „pflegen“ durchaus wörtlich nehmen kann – auch wenn die Fläche dann nicht so aufgeräumt wie nach einer Mahd aussieht. Die Galloway-Rinder lassen nämlich jene langgrasigen Stängel stehen, die ihnen nicht schmecken. So entsteht ein Mosaik aus übriggebliebenen hohen Weideresten und niedrigeren und lichteren Gras- und Krautfluren – also unterschiedlichste Lebensräume für Pflanzen und Tiere.

Alle paar Tage müssen die 3000-Liter-Tanks für die Rinder aufgefüllt werden.
Alle paar Tage müssen die 3000-Liter-Tanks für die Rinder aufgefüllt werden. © Renate Hoyer

Riedstadt (Kreis Groß-Gerau): Galloway-Rinder sorgen für Artenvielfalt

„Wir setzen die Rinder auf Flächen ein, die sonst von Landwirten zur Heunutzung gemäht oder auch gemulcht werden“, sagt Schanz. Mähen sei nämlich wenig artenfreundlich, das Gras sei einheitlich niedrig und biete wenig Schutz und Lebensraum für Kleintiere. Mulchen ist laut Reinhold Schneider sogar die tierschädlichste Art der Grünpflege. Denn Mulcher häckseln das Schnittgut, Insekten und Kleintiere werden dabei vernichtet. Die Galloways dagegen sorgen mit ihrem selektiven Verzehr für eine hohe und niedrige Vegetation – und damit für Artenvielfalt.

Insekten profitieren außerdem von den hinterlassenen Kuhfladen, die Nahrungs- und Fortpflanzungsräume für große Mistkäfer bis hin zu kleinsten Dungfliegen sind . Diese wiederum sind eine wichtige Nahrungsquelle für die Mehl- und Rauchschwalben. Umweltamtsleiter Schanz nennt Zahlen: „Eine Kuh produziert am Tag acht bis zehn Fladen, und in einem einzelnen Fladen können mehr als 4000 Insekten leben.“ Sogar der Suchende Dungkäfer – der größte seiner Art –, der bisher als vom Aussterben bedroht galt, sei dort gefunden worden. „Durch solche Beweidungsprojekte wird die Ausbreitung dieser wärmeliebenden Art gefördert“, sagt Schanz.

Die Galloway-Rinderherde von Reinhold Schneider weidet derzeit im alten Goddelauer Neckarbett.
Die Galloway-Rinderherde von Reinhold Schneider weidet derzeit im alten Goddelauer Neckarbett. © Renate Hoyer

Riedstadt (Kreis Groß-Gerau): Weniger Zecken durch Galloway-Rinder

Der Umweltamtsleiter nennt einen weiteren Vorteil: Dort, wo die Galloways geweidet haben, gibt es weniger Mäuse, die Hauptwirte von Zecken. Zecken können bekanntermaßen mit einem Stich Borrelien auf Menschen oder Hunde übertragen und so die bakterielle Infektionskrankheit Borreliose auslösen. Wiederkäuer wie Rinder, Schafe oder Ziegen stellen für die Erreger der Borreliose Fehlwirte dar. Wenn eine Zecke einen Wiederkäuer beißt, neutralisiert dessen Blut die Erreger – die Zecken sind dann wieder frei von Borreliose.

Am Montag hatte Landwirt Schneider übrigens ein Problem: Sein um die Grünfläche gezogener Elektrozaun war stromlos. Unbekannte hatten die auf einem Anhänger verbaute Batterie für den Weidezaun abgeklemmt und entwendet. Auch einen Landwirt in der Nähe ereilte dieses Schicksal. (red)

Die Galloway-Rinder in Riedstadt vereinen Landwirtschaft und Naturschutz. Im Interview mit der FR erklärt BUND-Experte Michael Rothkegel, warum die Landwirtschaft auf die Artenvielfalt angewiesen ist und spricht über die wahren Gründe für den Hunger in der Welt.

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