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Wenig Gegenwind für Stromtrasse Ultranet durch den Kreis Groß-Gerau

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Von: Annette Schlegl

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Erst im Jahr 2027 werden 380 Kilovolt Gleichstrom durch die Leitungen fließen.
Erst im Jahr 2027 werden 380 Kilovolt Gleichstrom durch die Leitungen fließen. © Annette Schlegl

Die geplante Gleichstrom-Freileitung Ultranet durchschneidet das Groß-Gerauer Kreisgebiet. Im Gegensatz zum Main-Taunus-Kreis gibt es kaum Proteste der Bürger und Bürgerinnen.

Höchstspannungs-Gleichstrom von Nord nach Süd durch den Landkreis Groß-Gerau hindurch: Nach der Abschaltung vieler Atom- und Kohlekraftwerke soll so Strom aus den großen Windparks in der Nordsee und an der Küste nach West- und Süddeutschland geleitet werden.

Ob das etwas mit den Menschen macht, die nahe dieser neuen Höchstspannungsleitung wohnen, war Thema einer Informationsveranstaltung, die die Initiative Bürgerdialog Stromnetz am Dienstagabend in der Riedhalle in Groß-Gerau organisiert hatte. Fachleute gaben Auskunft über den Stromnetzausbau, aber auch über die elektrische und magnetische Strahlung sowie über die Geräuschimmissionen.

Bürgerdialog in Groß-Gerau: Experten sehen keine Gesundheitsgefahren durch Ultranet

Um es vorwegzunehmen: Die Experten sahen bei der Veranstaltung der Initiative Bürgerdialog Stromnetz – nach eigenem Bekunden „eine neutrale Anlaufstelle für Anliegen rund um den Stromnetz-Ausbau“ – keine Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung. Die Feldstärken der Strahlung und die Lärmwerte würden weit unter den erlaubten Grenzwerten bleiben, hieß es.

Eine Milliarde Euro sollen allein die 340 Kilometer Gleichstromleitung kosten, die den Projektnamen Ultranet tragen und Teil des Netzausbau-Vorhabens von Ostfriesland nach Baden-Württemberg sind. Ultranet führt unter anderem durch den Landkreis Groß-Gerau und den Rheingau- sowie den Main-Taunus-Kreis, tangiert den Landkreis Darmstadt-Dieburg und läuft durch den Kreis Bergstraße.

So soll sich die Gleichstromtrasse durch Hessen ziehen. Quelle: Bundesnetzagentur
So soll sich die Gleichstromtrasse durch Hessen ziehen. © Bundesnetzagentur

Ultranet-Trasse im Kreis Groß-Gerau: Wechselstrommasten werden mit Gleichstromkabeln bestückt

Die Gleichstromkabel werden weitgehend an bestehende Wechselstrommasten montiert, für die Umrüstung des Stromkreises auf Gleichstrom müssen nur die Isolatoren an den Masten ausgetauscht werden. Mastneubauten sind ab Bürstadt nötig, wo eine alte Freilandleitung aus den 1920er-Jahren ersetzt wird.

Im Main-Taunus- und im Rheingau-Taunus-Kreis gibt es Widerstand gegen den Trassenkorridor, den die Bundesnetzagentur festgelegt hat. Kommunen und Bürgerinitiativen fordern dort, dass die vorhandene Wechselstromtrasse, die auch für die neue Gleichstromleitung genutzt werden soll, verändert wird. Größere Abstände zu Wohngebieten sollen durchgesetzt werden, juristische Schritte stehen im Raum.

Ultranet

Beim Projekt Ultranet soll zwischen Meerbusch-Osterath (Nordrhein-Westfalen) und Philippsburg (Baden-Württemberg) ein Stromkreis auf 340 Kilometern Länge von Wechsel- auf Gleichstrom umgestellt werden.

Mit Gleichstrom lässt sich mehr Energie transportieren, bei Wechselstrom entstehen hohe Verluste über große Entfernungen. Außerdem lassen sich die Strommengen bei Gleichstrom besser steuern.

An den meisten Starkstrommasten hängen dann erstmals sowohl Wechsel- als auch Gleichstromleitungen mit einer Spannung von 380 Kilovolt. ann

Auch Groß-Geraus Bürgermeister Erhard Walther (CDU) hatte das Gespräch mit dem Netzbetreiber Amprion und dem Wirtschaftsministerium gesucht, um im südlichen Bereich der Stadt eine Verschwenkung der Stromleitung zu erreichen. Dort liegen potenzielle Wohnbauflächen und zwar derzeit ohne Abstandsvorgaben zu den bestehenden Höchststrommasten. Mit der Ertüchtigung der Masten mit Gleichstrom würde dann die 400-Meter-Mindestdistanz zu Wohnhäusern greifen. Das würde aber die Wohnbau-Entwicklungsflächen verkleinern.

Geringes Interesse an Aufklärungsveranstaltung zu Ultranet in Groß-Gerau

Die Groß-Gerauer Bürger und Bürgerinnen dagegen scheinen mit dem Bau der Gleichstromtrasse wenig Probleme zu haben. Gerade einmal ein Dutzend Menschen wollten beim Bürgerdialog mit den Experten diskutieren.

Rüdiger Haum vom Bundesamt für Strahlenschutz entkräftete dabei Argumente, von der Trasse ausgehende Strahlung würde das Risiko von Leukämie bei Kindern erhöhen. Das statische Magnetfeld einer Gleichstromleitung sei 45 Mikrotesla groß. Der Grenzwert liege bei 500 Mikrotesla, um Störbeeinflussungen von Herzschrittmachern auszuschließen. Erst ab vier Tesla seien Wirkungen bekannt – „und das ist eine Zahl mit sechs Nullen“, so Haum.

Hessen braucht Windkraftenergie aus dem hohen Norden

Ähnlich verhält es sich laut Pascal Sames vom TÜV Hessen mit den Geräuschimmissionen. In 400 Meter Entfernung vom Mast höre man das typische Knistern nicht mehr, das beim Wechselstrom durch Wassertropfen, beim Gleichstrom durch Anlagerung von Staub, Schmutz und Insekten am Leiterseil entsteht. Bei Gleichstrom falle das Brummen im niederfrequenten Bereich komplett weg.

Den Wechselstrommasten werden erstmals Gleichstromleitungen zugeseilt.
Den Wechselstrommasten werden erstmals Gleichstromleitungen zugeseilt. © Annette Schlegl

Hessen erzeugt derzeit übrigens 2,3 Gigawatt Energie aus Windkraft; bei angenommenen 3000 Stunden Betriebsdauer pro Jahr sind das 6900 Gigawattstunden. Zum Vergleich: Das Kernkraftwerk Biblis lieferte 20 000 Gigawattstunden. Niedersachsen kann sich schon jetzt selbstständig mit Energie aus Windkraft versorgen. Dort werden 11,6 Gigawatt erzeugt, was rund 34800 Gigawattstunden entspricht.

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