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Lebensmittelskandal in Hessen: Ermittlungen gegen Familienbetrieb

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Von: Jens Joachim

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Geschlossen: Der Schneide- und Schälbetrieb des Obst- und Gemüsehändlers Maus in Gernsheim-Allmendfeld wurde auf Anordnung der Behörden geschlossen.
Geschlossen: Der Schneide- und Schälbetrieb des Obst- und Gemüsehändlers Maus in Gernsheim-Allmendfeld wurde auf Anordnung der Behörden geschlossen. © Michael Schick

Im Skandal um die Hygienemängel in einem Schneidebetrieb im Kreis Groß-Gerau ermittelt die Staatsanwaltschaft in Darmstadt gegen den Inhaber der Firma in Gernsheim-Allmendfeld.

Rattenkot im Kartoffellager, Schimmel, Pfützen und durch Bakterien verunreinigtes Gemüse und Arbeitsplätze: Den Kontrolleuren des Groß-Gerauer Kreisveterinäramts muss sich ein Bild des Grauens geboten haben, als sie vor zwei Monaten einen Gemüseverarbeitungsbetrieb in Gernsheim-Allmendfeld aufsuchten, um ihn nach mehr als zwei Jahren erstmals wieder genauer unter die Lupe zu nehmen.

Anlass für den Kontrollbesuch war der Verdacht, verunreinigte Lebensmittel könnten für den Tod eines Menschen im Sana-Klinikum und für die Listeriose-Erkrankung von drei weiteren Klinikpatienten verantwortlich sein.

Lebensmittelskandal in Hessen: Verdacht gegen Betrieb in Gernsheim im Kreis Groß-Gerau

Nach Darstellung von Christian Schulze, dem Leiter des Groß-Gerauer Kreisveterinäramts, hatten Recherchen der beim Darmstädter Regierungspräsidium angesiedelten „Taskforce Lebensmittelsicherheit“ in Kliniken in Offenbach und Frankfurt zum Verdacht gegen den Familienbetrieb geführt. Bei zwei Kontrollen seien gravierende Hygienemängel in dem Schneidebetrieb festgestellt und eine sofortige Grundreinigung sowie Desinfektion angeordnet worden, sagt Schulze. Zudem seien mehrere Proben genommen worden.

Weil bei einer abermaligen Kontrolle „deutliche Mängel“ festgestellt wurden und sich der Betrieb in einem „schlechten Zustand“ präsentiert habe, sei schließlich angeordnet worden, den Schneidebetrieb zum 17. Februar einzustellen. Der Handel mit Obst und Gemüse wurde dem Familienbetrieb allerdings nicht untersagt.

Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt gegen Firmeninhaber aus Gernsheim

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hat unterdessen am Dienstag bestätigt, dass ein Ermittlungsverfahren gegen den Inhaber des Familienunternehmens eingeleitet wurde. Dieses gehe auf eine Anzeige der Groß-Gerauer Kreisverwaltung vom 21. März zurück. Ermittelt werde wegen des Verdachts einer Straftat nach dem Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch, teilte Oberstaatsanwalt Robert Hartmann, der Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft, auf Anfrage mit.

Es gehe um einen möglichen Ausbruch von Listerien in dem Betrieb im Februar 2022. Die Ermittlungen in diesem Zusammenhang dauerten an, sagte Hartmann. Ob der Ausbruch ursächlich für den Tod von Menschen gewesen sei, könne „aktuell noch nicht abschließend beurteilt werden“, teilte der Behördensprecher mit.

Gefährliche Keime

Listerien können Kranken und Kindern erheblich zusetzen. Die häufig vorkommenden Bakterien können in tierische und pflanzliche Produkte geraten – etwa in Hackfleisch, Sushi oder Rohmilchkäse. Listerien sind sehr widerstandsfähig. Sie überstehen Tiefgefrieren und Trocknen. Kochen, Braten, Sterilisieren und Pasteurisieren tötet sie dagegen sicher ab.

Nur wenige Menschen, die Listerien aufnehmen, erkranken auch an Listeriose. Bei gesunden Erwachsenen verläuft die Infektion meist unauffällig oder nimmt einen harmlosen Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen wie Erbrechen und Durchfall – oft erst bis zu acht Wochen nach dem Verzehr. Gefährlich ist die Infektion aber für abwehrgeschwächte Menschen. dpa

Lebensmittelskandal in Hessen: Ein Toter nach Listeriose-Infektion

Die Groß-Gerauer Kreisverwaltung und das für die Taskforce Lebensmittelsicherheit zuständige Regierungspräsidium in Darmstadt hatten am Ostermontag während einer Pressekonferenz von vier Infizierten berichtet. Einer soll in Folge der Infektion im Offenbacher Sana-Klinikum gestorben sein, ein weiterer später, aber nicht wegen der Hygienemängel.

Der Groß-Gerauer Landrat Thomas Will (SPD), der sich eigentlich noch im Osterurlaub befand, Kreisgesundheitsdezernent Walter Astheimer (Grüne) sowie Veterinäramtsleiter Schulze informierten am Dienstagvormittag die Vorsitzenden der Fraktionen im Kreistag und am Nachmittag die Bürgermeister im Kreis über den aktuellen Stand der verwaltungsinternen Ermittlungen.

Kreis Groß-Gerau: Landrat will Konsequenzen nach Lebensmittelskandal ziehen

Landrat Will berichtete auf Anfrage der FR, es sei vorgesehen, entweder bis zum Ende dieser Woche oder Anfang der nächsten Woche einen Zwischenbericht vorzulegen, in dem auch Versäumnisse innerhalb der Verwaltung angesprochen werden sollen. Die Frage, ob es möglicherweise personelle Konsequenzen geben werde, ließ Will offen.

Will sagte, vom zweiten Halbjahr 2020 an seien drei weitere Stellen im für die Lebensmittelüberwachung zuständigen Fachdienst geschaffen worden, um eine noch bessere Quote bei den Lebensmittelkontrollen zu erreichen. Im Zuge der Corona-Pandemie sei der Fachdienst „weitestgehend unberührt geblieben“ und nur punktuell im Gesundheitsbereich eingesetzt worden.

Kisten auf dem Hof des Betriebs, aus dem mutmaßlich die keimbelasteten Lebensmittel stammten. Vier Menschen erkrankten, einer davon starb.
Kisten auf dem Hof des Betriebs, aus dem mutmaßlich die keimbelasteten Lebensmittel stammten. Vier Menschen erkrankten, einer davon starb. © dpa

Lebensmittelskandal im Kreis Groß-Gerau: Bürgermeister fordert „lückenlose Aufklärung“

Nun werde aufgearbeitet, warum die Kontrolldichte in den vergangenen beiden Jahren deutlich verringert worden sei. Auf die Frage, warum erst mit zweimonatiger Verspätung über die Missstände in dem Betrieb in Gernsheim-Allmendfeld berichtet werde, sagte Will, dies sei mit dem hessischen Umweltministerium und dem Regierungspräsidium abgesprochen gewesen,

CDU-Kreistagsfraktionschef Marcus Kretschmann, der auch Bürgermeister von Riedstadt ist, fordert vom Land und vom Kreis eine „lückenlose Aufklärung“.

Vor zwei Jahren hatte der Skandal um den nordhessischen Wursthersteller Wilke Verbraucherschutzministerin Priska Hinz belastet. Nach den neuen Listeriosefällen gerät die Grünen-Politikerin nun erneut unter Druck. Die Fälle haben unterdessen die Großküchen aufgeschreckt, die jetzt nur noch ganze Gurken verarbeiten. Verbraucherschützer fordern eine Neuaufstellung der Lebensmittelüberwachung.

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