Gesundheit

Klinik kündigt Chefarzt

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Die neue Geschäftsführerin entdeckt „diverse Auffälligkeiten“ bei Bestellvorgängen und Abrechnungen in der Kreisklinik Groß-Gerau.  

Wegen des Verdachts der Korruption und Bestechlichkeit hat die neue Geschäftsführerin der Kreisklinik Groß-Gerau, Erika Raab, einem Chefarzt fristlos gekündigt. Zudem habe sie Anzeige erstattet, teilte der Kreis jetzt auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit. Zu den Details machte die Klinikleitung mit Verweis auf das laufende Verfahren keine Angaben.

Das „Groß-Gerauer Echo“ hatte zuvor unter Berufung auf Raab berichtet, der Chefarzt der Unfallchirurgie habe „eine größere Menge an Hüftimplantaten in seinen Klinikräumen aufbewahrt – weit mehr, als eine Verwendung als Anschauungsmaterial rechtfertigen könne“. Dabei berichtet die Zeitung auch vom ehrenamtlichen Engagement des Mediziners, der mehrmals in den Nahen Osten reiste, um dort Kriegsverletzte zu operieren. Diese Reisen hätten unter Zustimmung der Klinik stattgefunden. Inzwischen soll der Anwalt des Arztes eine Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht Darmstadt eingereicht haben. Dem Gericht war bis Redaktionsschluss nicht möglich, der FR darüber Auskunft zu erteilen.

Erika Raab, die seit April tätig ist, war Mitte Mai auf finanzielle Ungereimtheiten gestoßen. In ihrem ersten Bericht zur Lage der defizitären Klinik schreibt Raab von „diversen Auffälligkeiten“ im Bestellprozess. Derzeit liege eine dezentrale Einkaufssteuerung vor. Jede Station oder jeder Arzt könne eine Bestellung auslösen, unabhängig davon, ob der Bedarf tatsächlich – etwa durch vorhandene Materialien in einem Kliniklager – gedeckt werden könne. Zudem stellte Raab Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung fest: Bei 676 stationären Fällen lag keine Krankenversicherung vor oder konnte nicht ermittelt werden. Demnach seien keine Kosten abgerechnet worden. „Diese Patientenbehandlungen, welche einen hypothetischen Erlös als Fallpauschale in Höhe von rund zwei Millionen Euro geriert hätten, sind nicht in der Abrechnungsstatistik 2018 gelistet“, heißt es in dem Bericht, der in der vergangenen Kreistagssitzung vorgelegt wurde. In der Sitzung beschloss der Kreistag, die bisherige Deckelung der Verlustausgleiche von drei Millionen Euro aufzuheben und das gesamte Defizit der Klinik zu übernehmen. Dieses beziffert sich auf neun Millionen Euro. „Sicher stehen wir im nächsten November anders da als im vergangenen Jahr“, sagte Landrat Thomas Will (SPD) im Kreistag.

Zur Kündigung des Chefarztes, die bereits am 13. Mai erfolgt ist, forderte die CDU jetzt von Thomas Will, der auch Vorsitzender des Klinikaufsichtsrats ist, „dass das Gremium umgehend ausführlich und detailliert über die Vorgänge informiert wird.“ Auch Karlheinz Wamser von der Freien Wählergemeinschaft kritisierte gegenüber der FR die Informationspolitik: „Wir wissen über den Fall in der Politik nicht mehr als das, was in der Presse steht.“ Es sei zwar richtig, dass der Aufsichtsrat nicht ins operative Klinikgeschäft einbezogen werde, „aber die seit Jahren bekannte prekäre Lage der Klinik hätte den Aufsichtsrat veranlassen müssen, die Geschäftsführung enger zu kontrollieren“, so Wamser. Auf Erika Raab als neue Geschäftsführerin setze man aber große Hoffnungen.

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