Organistin Wiebke Friedrich ist froh, dass alles wieder funktioniert.
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Organistin Wiebke Friedrich ist froh, dass alles wieder funktioniert.

Orgel Groß-Gerau

Herrin der Pfeifen

Über ein Jahr lang war die Orgel der evangelischen Stadtkirche nicht spielbar. Das in die Jahre gekommene Instrument musste dringend überholt werden. Jetzt klingt sie wieder - sehr zur Freunde der Organistin Wiebke Friedrich.

Eine Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach erklingt, füllt jeden Winkel des Kirchenraums aus und ist auch für denjenigen zu hören, der just an der Stadtkirche vorübergeht. Organistin Wiebke Friedrich probt für den Festgottesdienst, mit dem am zweiten Sonntag der Passionszeit, 16. März, die Orgel nach kompletter Sanierung wieder eingeweiht wird. Nach vierzehnmonatiger Pause wird sie neu erklingen.

Wiebke Friedrich hat ihre Straßenschuhe gegen saubere Lederschuhe mit flachem Absatz getauscht: „Für die Pedale braucht man glatte Sohlen, um reibungslos darüber zu gleiten. Zugleich sollte die Sohle dünn sein, um besser zu fühlen. Mit Fußspitze und Absatz wird gespielt“, erklärt sie. Friedrich sitzt vor den drei Manualen auf einer neuen, höhenverstellbaren Orgelbank, die die unterschiedliche Körpergröße der Organisten in der Stadtkirche – außer Friedrich vier Nebenamtliche – ausgleicht. „Die Größe unserer Organisten pendelt zwischen 1,60 und zwei Metern“, sagt sie lächelnd. Keiner brauche sich nun mehr zu recken und zu strecken, keiner stoße sich mehr die Knie am Spieltisch.

Große Pfeifen vor Ort saniert

2624 Pfeifen hat die Bosch-Orgel von 1957, die damit die größte Orgel im evangelischen Dekanat ist. Knapp fünf Meter messen die längsten Pfeifen, die tiefe Töne hervorbringen. Die kleinste misst einen Zentimeter, und ihr silbriger Klang ist für das Ohr kaum zu hören. „Fast sämtliche Pfeifen sind beim Orgelbauer Bosch in Kassel überholt worden. Nur die größten waren während der Kirchenrenovierung ummantelt und wurden an Ort und Stelle saniert. Unmöglich, sie zu transportieren“, sagt Wiebke Friedrich. Das Gehäuse hinter dem neu gestrichenen Orgelprospekt ist begehbar. Die Kantorin öffnet die Tür. Imposant ragen die Metall- und Holzpfeifen auf. „Dort klettert auch der Orgelbauer hinein.“

System aus den 50er Jahren

Wiebke Friedrich sagt, die Orgel, die den Klang anderer Instrumente nachahmen kann – Posaune, Trompete, Geige zum Beispiel – stelle letztlich ein ganzes Orchester dar. „Das Fagott haben wir neu hinzubekommen“, sagt sie und spielt die behäbigen, tiefen Töne an, die unmittelbar an die brummige Darstellung des Großvaters aus Prokofjews Märchen „Peter und Wolf“ erinnern. Wiebke Friedrich lacht: „Stimmt.“ Dann fährt sie fort: „Der Organist ist der Dirigent am Spieltisch.“ Pfarrer Helmut Bernhard nannte die Organistin kürzlich die „Herrin der Pfeifen“.

Neu eingerichtet wurde im Zuge der Sanierung auch die Elektrik, die aus den 50er Jahren stammte und für die es keine Ersatzteile mehr gab. „Jetzt haben wir eine zuverlässige Magnetfunktion, was für die Hörer nicht wahrnehmbar ist. Wir Organisten sind aber gewiss, dass jeder Ton zuverlässig funktioniert.“ Insgesamt klinge die Orgel nun voluminöser und „grundtöniger“. Begleitet vom Orgelsachverständigen der Landeskirche, Thomas Wilhelm, sei in der Kirche seit Januar die Feinabstimmung vorgenommen worden.

„140 000 Euro hat die Orgelsanierung gekostet, die wir dank vieler Aktionen und Spenden vollständig gestemmt haben. Ich freue mich total darüber. Und jetzt, wo die Orgel neu in Besitz genommen werden kann, spüre ich deutlich, wie sehr ich sie vermisst habe“, sagt Wiebke Friedrich. lot

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