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Gedenken in Groß-Gerau: Der Retter der Kinder von Buchenwald

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Von: Claudia Kabel

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Er berlebte das KZ und wurde erster Landrat im Kreis Groß-Gerau nach dem Krieg: Wilhelm Hammann
Er berlebte das KZ und wurde erster Landrat im Kreis Groß-Gerau nach dem Krieg: Wilhelm Hammann © privat

Wilhelm Hammann, der erste Landrat nach dem Krieg im Kreis Groß-Gerau, wurde vor 125 Jahren geboren. Er überlebte das KZ und starb später unter dubiosen Umständen.

Er war ein kleiner, quirliger Mensch, der immer mit seiner Aktentasche rumwedelte.“ So beschreibt DKP-Urgestein Rudi Hechler aus Mörfelden-Walldorf den ersten Landrat des Kreises Groß-Gerau nach dem Krieg: Wilhelm Hammann (1897-1955). Weil er im Konzentrationslager Buchenwald 175 jüdische Kinder vor der Ermordung rettete, wurde der Lehrer und KPD-Politiker 1984 von Israel posthum als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Ein Stein mit seinem Namen erinnert in der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem an ihn.

An diesem Freitag jährt sich Wilhelm Hammanns Geburtstag zum 125. Mal. Das Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus, der Kreis Groß-Gerau, die DKP, die Linke, der DGB sowie der Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur, das Pfarramt für Ökumene im Evangelischen Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes laden zu einer Gedenkveranstaltung an seinem Grab in Groß-Gerau ein. Um dessen Pflege war 2020 ein Streit entbrannt, der inzwischen beigelegt ist. Die Stadt Groß-Gerau beschloss, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen.

Nun kündigte Landrat Thomas Will (SPD) an, in Kürze mit einer Gedenktafel „an die guten Taten Hammanns“ zu erinnern. Diese Tafel soll am Grab angebracht werden. Will bedankte sich auch ausdrücklich bei den Organisatorinnen und Organisatoren der Gedenkveranstaltung, „dass sie die Initiative ergriffen haben, die Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Mann aus dem Kreis Groß-Gerau wachzuhalten“.

Gedenken

Die Gedenkveranstaltung auf dem Alten Friedhof Groß-Gerau findet am Freitag, 25. Februar, 16.30 Uhr statt.

Die „Arolsen Archives “ für NS-Verfolgung, laden um 19 Uhr zu einer Online-Veranstaltung. Ulrich Schneider, Mitglied der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/ Freundeskreis, wird dabei eine neue Broschüre zu Wilhelm Hammann vorstellen. Anmeldung zur kostenlosen Teilnahme unter: https://arolsenarchives.webinarninja.com/live-webinars/10029327/register

Dies war nicht immer so. Lange wurde Hammann nur als Kommunist gesehen, obwohl er der einzige Mensch im Kreis Groß-Gerau war, der als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde und laut Hechler sogar einer der ersten Deutschen in Yad Vashem gewesen sein soll. Hechler, Kind einer „alten kommunistischen Familie“, berichtet der Frankfurter Rundschau, dass Hammann in seinem Elternhaus ein- und ausgegangen sei. Sehr habe es ihn erschüttert, als er Jahre später – damals arbeitete Hechler als Drucker und saß in der Kantine – die Zeitungsschlagzeile las: „KP Funktionär von Panzer gerammt - tot“. Hammann war unter dubiosen Umständen 1955 kurz nach einem Frontalzusammenstoß mit einem stehenden US-amerikanischen Panzer auf der Bundesstraße 26 zwischen Bischofsheim und Königstädten gestorben. Angeblich soll er eine Liste mit Namen kommunistischer Agenten bei sich getragen haben.

Sein Amt als Landrat übte er nur kurz aus. Hammann war ein unbequemer Mann auf dem Posten, der gegen ehemalige Nazis in hohen Ämtern bei Opel und unlautere Lebensmittelbeschlagnahmung durch die US-Armee vorging, wie Hechler in einer DKP-Sonderausgabe zu Hammanns Lebensgeschichte schreibt.

Im Oktober 1945 zum Landrat ernannt, wurde Hammann im Dezember wegen einer Auseinandersetzung mit dem örtlichen CIC-Offizier und angeblich prokommunistischer Amtsführung verhaftet. Zwar sprach ihn das Darmstädter Militärgericht frei, doch Hammanns Gegner wühlten weiter, so Hechler, warfen ihm sogar Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, die er in Buchenwald verübt haben sollte.

Das Gegenteil war der Fall: Hammannn, seinerzeit Lehrer, überlebte das KZ von 1938 bis Kriegsende und rettete dort 175 Kinder vor dem Tod, indem er auf ihren Akten das Wort Jude durch Ungar ersetzen ließ.

Um das Grab von Wilhelm Hammann hatte es 2020 Ärger gegeben.
Um das Grab von Wilhelm Hammann hatte es 2020 Ärger gegeben. © privat

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