+
Dass die Akteure aus acht Nationen Deutsch bislang nur wenig können, hält sie nicht ab, sich der klassischen Komödie zu nähern. Zwei der Teilnehmer wurden auf eigenen Wunsch in diesem Bild unkenntlich gemacht.

Flüchtlinge in Hessen

Flüchtlinge lernen auf der Bühne Deutsch

  • schließen

Ein Theaterprojekt in Groß-Gerau soll Geflüchteten beim Spracherwerb helfen. Das Ziel ist die Vermittlung in den Arbeitsmarkt.

Groß-Gerau ist ein Zuzugskreis – auch für Geflüchtete. Doch um diese zu integrieren und in den Arbeitsmarkt zu vermitteln, bedarf es deutscher Sprachkenntnisse. Um den Spracherwerb zu verbessern, geht das kommunale Jobcenter neue Wege.

„Als ich hierher kam, hatte ich nur eine Frage im Kopf: Was ist die Beziehung zwischen Theater und Sprache?“, sagt Nour Charabati. Die Philosophielehrerin ist vor vier Jahren mit ihrem Mann aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Jetzt nimmt sie am Theaterprojekt „Jobact“ teil, das im Auftrag des Jobcenters seit Februar läuft. Am 7. August feiert das dabei erarbeitete Stück „Lysistrata – heut’ kommt der Hans zu mir“ im Kulturcafé Groß-Gerau Premiere. Am Dienstag präsentierte sich das Ensemble der Presse.

18 Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund haben das Stück rund um Aristophanes „Lysistrata“ erarbeitet: Es geht um den 20-jährigen Krieg zwischen Athen und Sparta, die Emanzipation der Frauen, die beschließen, nicht mehr mit ihren Männern zu schlafen, bis diese den Krieg beenden. „Es geht auch um den Tabubruch der Frauen, aus ihrer Rolle auszubrechen“, sagt Projektleiter Jürgen Fritz. Man habe das Stück ausgewählt, weil es inhaltlich Futter gebe, mit dem man sich beschäftigen könne.

Bei Jobact geht es nicht nur ums Theaterspielen. „Es verbindet theaterpädagogische Methoden mit einem intensiven Sprachtraining sowie mit klassischem und kreativem Berwerbungsmanagement“, schreibt die Projektfabrik. Die Gründerin der gemeinnützigen Gesellschaft mit Sitz im nordrhein-westfälischen Witten, Sandra Schürmann, wurde 2010 dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Deutschlandweit liefen an mehr als 100 Standorten bereits ähnliche Projekte.

Die Teilnehmer in Groß-Gerau stammen aus verschiedenen Ländern. Die meisten aus Syrien, aber auch Geflüchtete aus Eritrea, Äthiopien oder Afghanistan sind dabei. „Wir fangen mit dem Singen an“, sagt Theaterpädagoge Fritz. Viele Vokale des Deutschen, etwa ö oder ü, gebe es in den Herkunftssprachen der Schauspieler nicht. Während des achtmonatigen Projekts üben die Teilnehmer, neben dem Stück und der deutschen Sprache auch Teamfähigkeit, Konfliktlösung, individuelle Stärken und Fähigkeiten auszubauen.

Täglich sieben Stunden tun sie das. Begleitet werden sie von einem Theaterpädagogen, einem pädagogischen Mitarbeiter oder Jobcoach und einem Sprachtrainer. Ziel ist die Vermittlung in den Job. „Anfangs hatte ich Angst, auf der Bühne zu stehen“, sagt Charabati. „Jetzt kann ich hier stehen und sagen: Ja, ich bin da.“

Zwei aus der Gruppe haben bereits eine feste Anstellung gefunden, zwei weitere haben Minijobs und zehn einen Praktikumsplatz. „Das ist ein guter Schnitt“, sagt Oliver Nüchter, Regionalleiter beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft, das als Träger fungiert. „Anhand des Kennenlernens der Personen können wir sagen, wohin es geht“, beschreibt Elke Rothenheber, Bereichsleiterin Arbeitsmarkt und Integration beim Jobcenter.

„Im Anschluss an die Aufführung machen alle ein siebenwöchiges Praktikum“, sagt Bewerbungsmanagerin Susanne Holz. Jeweils ein einwöchiges haben sie bereits hinter sich. „Wir können dabei erfahren, ob der Beruf passt“, sagt Faiqa Fiaaz. Seit drei Jahren ist die Pakistanerin hier. Sie will Erzieherin werden.

Über eine Fortführung des Projekts soll kommende Woche gesprochen werden, kündigte Rothenheber an.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare