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Zeitzeuge Wolfgang Welsch berichtet über sein Leben - und schildert Misshandlungen und Folterungen in DDR-Gefängnissen.

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Arm der Stasi reichte auch nach Hessen

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Wolfgang Welsch war Fluchthelfer und hat drei Mordanschläge überlebt. Mit Schülern aus Rüsselsheim spricht er über sein Leben.

„Entwickeln Sie eine Haltung, leisten Sie keinen vorauseilenden Gehorsam, verteidigen Sie die Demokratie, glauben Sie an die Wahrheit, und dienen Sie unserem Land.“ Mit diesen fünf „Lektionen“ hat dieser Tage der Publizist Wolfgang Welsch rund 80 Elftklässler der Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim konfrontiert.

Auf Vermittlung des Vereins Deutsche Gesellschaft, der an dem Gymnasium Workshops über die Themen „Wahlen in der Diktatur“ und „Alltag in der DDR“ anbot, berichtete der frühere DDR-Dissident, der im nordbadischen Sinsheim lebt, in der Aula der Rüsselsheimer Schule über sein Leben als politischer Häftling in der DDR und seine Tätigkeit als erfolgreicher Fluchthelfer.

Welschs Autobiographie „Ich war Staatsfeind Nr. 1 – Als Fluchthelfer auf der Todesliste der Stasi“ ist kürzlich in der elften Auflage als überarbeitete E-Book-Fassung erschienen. Unter dem Titel „Der Stich des Skorpion“ ist das Buch 2004 unter der Regie von Stephan Wagner mit den Schauspielern Jörg Schüttauf und Martina Gedeck in den Hauptrollen verfilmt worden.

Den Schülern berichtete Welsch auch über seinen gescheiterten Fluchtversuch 1964, über seine mehrjährige Haft in DDR-Gefängnissen, über die dortigen entwürdigenden Misshandlungen und Foltermethoden sowie über den Freikauf durch die Bundesregierung im Jahr 1971 und die drei gescheiterten Mordanschläge, die das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi) auf ihn verübte.

Die Stasi legte den operativen Vorgang „Skorpion“ an und versuchte, den heute 73-Jährigen wegen seiner Aktivitäten gegen die SED-Diktatur zu liquidieren. In einer Notiz der Zentralen Koordinierungsgruppe der Stasi bezeichnete man Welsch als einen zwar stillen, gleichwohl „effizienten Fluchthelfer und Staatsfeind mit hohem Gefährdungspotenzial für die DDR“. Ihm gelang es jedoch, in einem Zeitraum von zehn Jahren auch mit westdeutschen Pässen und gefälschten Einreisestempeln mehr als 220 Personen, teilweise über Drittländer des Ostblocks oder mit diplomatischer Hilfe, in die Freiheit zu verhelfen.

Der Soziologe schilderte den Kant-Schülern auch, wie ein vermeintlicher Freund 1979 einen Sprengsatz mit einem Zünder und Verzögerungsmechanismus unter dem Armaturenbrett seines Wagens platzierte, der dann auf der Autobahn 5 in der Nähe der Abfahrt Langen/Mörfelden explodierte. Welsch überlebte diesen Bombenanschlag ebenso wie zwei weitere Attacken in der Nähe von London und in Israel, wo er erst erschossen und dann vergiftet werden sollte.

In dem letzten Fall im Sommer 1981 nahm der Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi den Tod von Welschs Ehefrau und der Tochter billigend in Kauf, als er bei einem gemeinsamen Ausflug in Israel das extrem giftige Schwermetall Thallium in Buletten mischte. Welsch wäre wohl gestorben, hätte das Institut Fresenius nicht das hochgiftige Schwermetall Thallium in seinem Körper nachgewiesen, so dass ihm gerade noch rechtzeitig ein Gegenmittel verabreicht werden konnte.

Das Wohnmobil, mit dem die Familie Welsch mit dem Stasi-Mitarbeiter und vermutlich einer weiteren Agentin unterwegs war, hatte die Stasi zuvor extra über eine Darmstädter Firma nach Israel transportieren lassen. Der Täter und Mitorganisator der Anschläge, der als „IM Alfons“ für die Stasi tätig war, wurde vom Berliner Landgericht zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.

Wolfgang Welsch schilderte den Schülern sehr eindringlich, wie der Angeklagte – sein vermeintlicher Freund – in einer Sitzungspause auf ihn zugekommen sei und ihn unter Tränen um Vergebung gebeten habe. Er habe ihm in die Augen geschaut, ihm seine Scham, Reue und Bußfertigkeit abgenommen – das habe die Vergebung möglich gemacht. An diesem Tag, so berichtete Welsch, der aus einem christlich-bürgerlichen Elternhaus stammt, habe er aufgehört zu hassen.

Die für die Operationen gegen ihn verantwortlichen Stasi-Offiziere haben sich inzwischen in der Gefängniszelle erhängt oder sind auf andere Art gestorben. Gleichwohl, sagt Welsch, sei die Aufarbeitung der DDR-Geschichte „noch längst nicht zu Ende“. So wird nach wie vor von der Berliner Polizei die Frau gesucht, die bei dem Anschlag in Israel als mögliche Mittäterin wegen versuchten Mordes in Frage kommt.

Die Deutsche Gesellschaft, über die der Kontakt zu dem Zeitzeugen zustande kam, ist der erste nach dem Fall der Mauer entstandene gesamtdeutsche Verein. Er wurde am 13. Januar 1990 mit dem Ziel gegründet, die Teilung zu überwinden, das Miteinander in Deutschland und Europa zu fördern und Vorurteile abzubauen. Vorsitzende der überparteilichen Organisation sind Lothar de Maizière (CDU), der letzte Ministerpräsident der DDR sowie der frühere SPD-Vorsitzende und ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering.

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