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Wer Kühe hält, will die Milch mindestens kostendeckend verkaufen.

Gernsheim

Bauern unter sich

Die Landwirtschaftliche Woche Südhessen umgeht Verbraucherthemen wie Öko-Landbau und Milchpreise.

Herr Billau, im Programm der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen findet sich kein Wort über die Proteste der Odenwälder Milchbauern und den in diesen Wochen beginnenden Verkauf der Fairen Milch bei Rewe und Tegut. Wird das totgeschwiegen?

Nein, wir finden die Initiative sogar gut. Die Milchbauern müssen einen Literpreis erhalten, von dem sie leben können. Und bei Fair-Trade-Schokolade sieht man, dass sogar die Global Player eingesehen haben, dass sie den Produzenten, den Menschen an der Basis, genug bezahlen müssen.

Und doch taucht die neue Faire Milch mit keinem Wort auf.

Sie haben recht, das fehlt. Leider. Jedoch werden wir am Eröffnungstag und am Mittwoch in Reichelsheim mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter für die Faire Milch werben.

Wo liegt das Problem?

Ich verstehe die Odenwälder Milchbauern und sogar die Milch-Revolutionäre beim Bundesverband Deutscher Milchviehhalter. Viele stehen mit dem Rücken zur Wand, und da hat man oft einen Tunnelblick. Manche Aktivisten fühlen sich im großen Bauernverband mit seinen vielen Berufsgruppen und unterschiedlichen Interessen nicht mehr gut vertreten, rufen zum Austritt auf. Das führt doch zu nichts.

Doch, zur Zersplitterung.

Genau. Aber der Bund Deutscher Milchviehhalter sollte kein Lafontaine des Bauernverbands sein. Zur Demokratie - auch in einem Bauernverband - gehören Kompromisse.

Auch wenn im Ergebnis viele Odenwälder Milchbauernhöfe schließen müssen?

Nein. Die vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter ins Leben gerufene Initiative für Faire Milch ist toll. Die öffentliche Wirkung, die diese Milchbauern mit ihren Protesten hervorgerufen haben, ist großartig. Ja, es ist mehr, als wir in dieser Hinsicht geschafft haben. Jetzt geht es darum, gemeinsam an einem Strang zu ziehen: Die Milchviehbetriebe im Odenwald brauchen ein vom Milchpreis unabhängiges Grundeinkommen für ihre landschaftspflegerischen Leistungen. Außerdem müssen die Milchbauern über Erzeugergemeinschaften ihre Milch vermarkten, um kostendeckende Preise zu erreichen.

Das klingt nach viel Sympathie und Verständnis für die Abtrünnigen.

Es sind ja nicht unsere Feinde, sondern unsere Kollegen. Ich werde noch einmal auf sie zugehen.

Nicht nur der Streit um die Faire Milch und den richtigen Weg im Bauernprotest taucht bei der Landwirtschaftlichen Woche kaum auf. Auch das Thema Öko-Lebensmittel sucht man vergebens, obwohl doch gerade die boomen.

Das stimmt - und liegt an mir. Ich bin persönlich von der Öko-Landwirtschaft nicht überzeugt. Wir haben hier im dicht besiedelten Südhessen eine sehr intensive Landwirtschaft, aufgrund fehlender Flächen. Für weit gestellte Fruchtfolgen, wie im Öko-Landbau gefordert, fehlen immer mehr die Ackerflächen. Trotzdem haben unsere Obst- und Gemüseprodukte die geringsten Rückstandsüberschreitungen aller Zeiten, weniger als 1,7 Prozent.

Und doch übersteigt gerade hier die Öko-Nachfrage deutlich das Angebot: Öko-Lebensmittel müssen teilweise von weit her herangekarrt werden, was dem Grundgedanken schon ein wenig widerspricht. Warum ermutigt der Bauernverband nicht seine Mitglieder, über eine Umstellung in die wachsende Bio-Branche nachzudenken?

Die Umstellung auf Bio ist ein großes Risiko. Und die Familien leisten dort noch viel mehr als in den konventionell wirtschaftenden Betrieben. Die Betriebe machen sich sehr wohl Gedanken, allerdings sollte man nur umstellen, wenn man von der Sache auch überzeugt ist.

Stattdessen finden sich viele Fachvorträge wie zur Blauzungenkrankheit oder zu morphologischen Stangenmängeln beim Spargel: Warum spricht die Landwirtschaftliche Woche die Verbraucher nicht attraktiver an?

Ich mache das jetzt seit 13 Jahren. Die Leute kommen nur, wenn es grad mal wieder einen Skandal gibt, wie nach BSE.

Der Schulterschluss Bauern/Verbraucher ist also nicht möglich?

Wenn wir das ganze im Mai machen würden, mit frischem Spargel, Milch, Erdbeeren und Streichelzoo, würden wohl auch die Verbraucher kommen.

Na, das wär' doch mal eine Idee.

Ja, packen wir´s an, demnächst auf unseren Bauernmärkten. (piz)

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