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Norbert Sertel war erst Busfahrer und kümmerte sich dann um Klima und Kulissen im Theater.

Rüsselsheim

Die sauberste Bühne Deutschlands

Zu den guten Geistern, die im Rüsselsheimer Theater unauffällig im Hinter- und vor allem im Untergrund wirken, gehört Norbert Sertel. Nach 40 Jahren im öffentlichen Dienst geht der Theatertechniker jetzt in den Ruhestand.

Zu den guten Geistern, die im Rüsselsheimer Theater unauffällig im Hinter- und vor allem im Untergrund wirken, gehört Norbert Sertel. Nach 40 Jahren im öffentlichen Dienst geht der Theatertechniker jetzt in den Ruhestand.

Begonnen hat Sertel als Busfahrer bei den Stadtwerken, wo er 15 Jahre lang mit bodenständigem Humor auch so manche schwierige Situation meisterte. Im Theater, das er nur schweren Herzens verlässt, wirkt Sertel beim Aufbau der Kulissen mit und ist als gelernter Heizungsbauer und Klimatechniker hauptsächlich für Betrieb und Wartung der Klimaanlage verantwortlich. Die Temperatur im Haus wird automatisch gesteuert und liegt durchgängig bei 22 bis 23 Grad. Klagen über ein "zu warm" oder "zu kalt" seien deshalb unbegründet.

Wunsch nach neuen Fenstern

Aber Haus und Anlage sind mittlerweile 40 Jahre alt. Sertel wünscht sich zum Abschied, dass zumindest die gläserne Fensterfront im oberen Foyer bald ausgetauscht wird. Inzwischen gebe es modernere Gläser, die nicht an heißen Tagen wie ein Brennglas wirken und den Raum so sehr aufheizen, dass die Kühlung auf Hochtouren arbeiten muss. Seinem Nachfolger wünscht er viel Fingerspitzengefühl bei der Wartung der Klimaanlage, die einwandfrei funktioniert. Dass Sertel sie stets gut gewartet hat, bestätigte im vergangenen Jahr ein externes Ingenieurbüro mit dem Testat "Vorbildlicher Gesamteindruck und Pflegezustand".

Das Lob macht Sertel stolz. Zeitungsberichte mit Bildern von verdreckten Rohren, verrosteten Kühltürmen und verstopften Zuluftkanälen aus anderen Theatern sind für ihn ein Horrorszenario. Er lasse größte Sorgfalt walten - das sei notwendig, denn die veraltete Anlage ist nicht einfach zu bedienen: Ein falsch umgelegter Hebel kann die Feuerwehr herbeirufen oder an irgend einer Stelle "plötzlich eine Wasserfontäne emporschießen lassen", weiß er. Beim Tag der offenen Tür im Treff hat er schon häufiger Besucher durch die Theaterkatakomben geführt und die Haus- und Bühnentechnik erklärt.

Dass ihm trotz seines Einsatzes und Pflichtbewusstseins oft nur geringe Anerkennung für seine diffizile Arbeit im Untergrund widerfuhr, hat ihn oft gegrämt. Deshalb ließ er sich auch gerne zum Kulissenaufbau einteilen. Der begeisterte Fastnachter, der 20 Jahre lang die einstigen Hofsänger (heute Schwarzamseln) des Karnevalsvereins RCV verstärkte, mochte es, wenn er bei der Arbeit mit Stars und Prominenten in Kontakt kam.

Freddy Quinn küsst den Boden

In zwei stattlichen Erinnerungsalben hat Sertel diese Begegnungen festgehalten: Margot Werner, Joy Fleming, Ingrid Steeger, Gunther Emmerlich, Horst Tappert und Joachim Fuchsberger bedankten sich dafür bei ihm ebenso wie Ben Becker, Erika Pluhar, Senta Berger oder Freddy Quinn, der sogar den Boden der Garderobe küsste, "weil auf dieser saubersten Bühne Deutschlands" alles so propper sei, wie er unter sein Konterfei ins Album schrieb.

"Nobbi" Sertel, dessen Gattin Anita 23 Jahre die Theaterbesucher an der Sektbar des Hauses bediente, wird sich am Mittwoch, 30. September, von Kollegen und Freunden mit einem Umtrunk verabschieden. Natürlich im Theaterfoyer. (eda)

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