+
Das Ehepaar Canibol in seinem als „Denkmal des Monats“ ausgezeichneten Fachwerkhaus. Rolf Oeser

Groß-Gerau

Auszeichnung für barrierefreies Denkmal

  • schließen

Hessen prämiert die Sanierung eines 300 Jahre alten Fachwerkhauses in Groß-Gerau. Zum ersten Mal geht der Preis an ein privates Wohnhaus.

Maroder Dachstuhl, durchgefaulte Balken, abbruchreife Wände: Als Susanne Theisen-Canibol und Hans-Peter Canibol 2013 das Fachwerkhaus in der Schulstraße 13 in Groß-Gerau kauften, stand das Anwesen schon seit mehreren Jahren zum Verkauf. Jetzt wurde das Ehepaar für die Sanierung des 300 Jahre alten Gebäudes mit der Auszeichnung des Landes Hessen „Denkmal des Monats“ geehrt. Damit wird erstmals ein privates Wohnhaus mit dem im Juni 2018 ins Leben gerufenen und mit 1000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet. Auch für den Hessischen Denkmalschutzpreis war das unter Ensembleschutz stehende Gebäude schon nominiert, was laut Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Grüne), die am Donnerstag Urkunde und Plakette überreichte, bereits eine Auszeichnung ist.

Die Ministerin sprach ihre Hochachtung vor dem Mut und dem Durchhaltevermögen der Canibols für ein solches Großprojekt aus. Hatte doch der heute 68-jährige Hans-Peter Canibol vor sieben Jahren einen Schlaganfall und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Die Schulstraße 13 sei ein Vorzeigeprojekt, weil ein Kulturdenkmal erhalten worden und nicht nur barrierefrei, sondern auch klimaneutral ausgebaut wurde, sage Dorn mit Hinblick auf die Wärmedämmung und die Versorgung mit Erdwärme des Hauses.

In Kelsterbach, wo das Paar bis 2016 zur Miete lebte, hatte es sich bereits für Nachhaltigkeit engagiert und die Initiative „Kelsterbach Talk“ gegründet“. Die Entscheidung, in ein Eigenheim zu ziehen, sei auch deshalb gefallen, weil es unmöglich gewesen sei, das bisherige Domizil barrierefrei herzurichten, sagt die 60-Jährige. Zudem habe die Lage am Rande der Groß-Gerauer Fußgängerzone einen großen Vorteil: „Alles ist mit dem Rollstuhl zu erreichen.“

Fast zwei Jahre dauerte die Sanierung. Statt wie bisher das vordere Gebäude als Wohnhaus zu nutzen, wurde dies in Büros für die beiden selbständigen Wirtschaftsjournalisten umfunktioniert. An die Stelle, wo sich Schweinekoben, Volieren und Stallungen befunden hatten, ließ das Ehepaar einen ebenerdigen Neubau errichten, der nun als Wohnhaus dient. „Über die Hebeplattform geht es ins Büro“, erklärt Hans-Peter Canibol, der den Höhenunterschied zwischen alten und neuem Gebäudeteil mit dem Rollstuhl überwinden muss.

Auch optisch veränderte sich das um 1700 errichtete Gebäude: Der Außenputz in den oberen Stockwerken wurde abgetragen, die Gefache neu verputzt und die Fachwerkbalken freigelegt und gestrichen. Die Fensterläden wurden abgeschliffen und neu gestrichen, zudem das Dach neu mit Biberschwänzen eingedeckt. Im Inneren wurden Holzböden und Treppe aufgearbeitet, ebenso die noch vorhandenen Zimmertüren. Geblieben ist manch schräge Zimmerdecke oder schiefe Wand.

„Wir akzeptierten von vorneherein, dass das was der Denkmalschutz sagt, umgesetzt werden muss“, berichtet Susanne Theisen-Canibol. Die Denkmalschutzauflagen hätten den Umbau weniger verteuert als etwa die Auflagen zur Grenzbebauung des an der schmalsten Stelle nur 8,50 Meter breiten Grundstücks.

Laut dem Darmstädter Architekt Reiner Lenz, der das Projekt begleitete, muss die Sanierung eines solchen Altbaus nicht teurer sein als ein Neubau. „Die Frage ist, ob man alles neu und gerade haben möchte oder auch schräge Decken akzeptiert.“ Für die Canibols hat gerade das Leben in einem alten Haus und an einem Ort wie Groß-Gerau, der seit Jahrtausenden besiedelt ist, seinen Charme: „Ein Ort, wo Menschen sich früher wohl gefühlt haben, ist etwas anderes als ein Neubaugebiet – da fehlt die Geschichte“, sagt Susanne Theisen-Canibol.

Denkmal des Monats

Die Auszeichnung„Denkmal des Monats“ können Personen, Initiativen oder Körperschaften erhalten. Sie sollen sich in besonderer Weise beim Erhalt ihrer Denkmäler verdient gemacht haben. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen wählt die Preisträger aus den Bewerbungen für den Hessischen Denkmalschutzpreis aus.

Bisherige Preisträger:Marienbasilika Wilhelmshausen, Altes Rathaus Lohra, Kultur- und Wohnprojekt Rhönhof Tann, Barockkirche St. Cäcilia in Heusenstamm, Heimatmuseum Raunheim, Martinskirche Udenhain und Hotel Amts-Apotheke in Limburg.

Infos  beim Landesamt für Demkmalpflege.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare