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Projektkoordinator Matthias Harnisch vor verschiedenen Hochwassermarken: 1882 stand der Wasserpegel zeitweise am höchsten.

Natur

Ausgezeichnete Renaturierung bei Riedstadt

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In Riedstadt existieren Hessens einzige Stromtalwiesen - Biotope, die „akut von vollständiger Vernichtung bedroht“ sind.

Die Haarstrangwurzeleule und der Wiesenknopf-Ameisenbläuling schlummern noch in ihren Kokons unter der Erde. Nur wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man im dichten Grün erste gelb sprießende Schlüsselblumen und junge Blätter der blauen Wiesenschwertlilie. Ansonsten würde man denken: ganz normale Wiese am Rheinufer.

Doch das Gebiet bei Riedstadt im Kreis Groß-Gerau ist einmalig in Hessen. Denn dort wurden auf einer Fläche von 70 Hektar sogenannte Stromtalwiesen angelegt. Diese Biotope sind laut Roter Liste des Bundesrepublik Deutschland „akut von vollständiger Vernichtung bedroht“. Überschwemmung oder Dürre – mit beiden Extremen kommen diese Auenwiesen gut klar. Feuchtigkeitsunterschiede sind sogar nötig, um die Artenvielfalt dieser speziellen Grünland-Pflanzengesellschaften zu sichern. „Die Flächen müssen tief liegen und brauchen etwa 8 bis 26 Tage Überschwemmung pro Jahr“, sagt Matthias Harnisch, Projektkoordinator des städtischen Grünflächenamtes.

Durch intensive landwirtschaftliche Nutzung sowie Deichbau und Entwässerung werden die notwendigen Bedingungen für Stromtalwiesen jedoch gestört. Deswegen existieren sie heute oft nur noch auf kleinen Restflächen. In Riedstadt hat man im Jahr 2000 begonnen, Ackerflächen in den Gemarkungen Erfelden und Leeheim zurückzuverwandeln. Dazu wurde laut Harnisch erstmals in größerem Rahmen ein Verfahren angewendet, bei dem samenhaltiges Mahdgut aus vorhandenen Wiesenflächen übertragen wurde. Die Justus-Liebig-Universität Gießen begleitete das Verfahren wissenschaftlich. Dabei wurden allein 37 Pflanzenarten der Roten Listen sowie 110 gefährdete Tierarten angesiedelt. Im jüngsten Renaturierungsschritt wurden 2018 seltene Wildpflanzenarten aus Samen angezogen und auf der bisher eher artenarmen Wiese in der Gewann „Nachtweide“ angepflanzt.

Das Riedstädter Stromwiesenprojekt wurde jetzt als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet. Ziel der Vereinten Nationen ist es, durch die Auszeichnung bundesweiter Projekte möglichst viele Menschen für den Schutz und den Erhalt der Biodiversität zu begeistern.

Auch im Ausland haben die Riedstädter Stromtalwiesen schon Aufmerksamkeit gefunden: Nicht nur die georgische Umweltministerin Khatuna Gogaladse war 2013 vor Ort, um sich über die Umsetzung des Naturschutzprojektes zu informieren, wie Harnisch berichtet, auch eine Delegation der britischen Floodplain Meadows Partnerships (Auenwiesen Partnerschaft) besuchte 2017 Riedstadt. Anders als in Deutschland laufe in Großbritannien Naturschutz viel stärker über privates Engagement und werde nicht staatlich gefördert. „Wenn dort der Eigentümer einer Wiese wechselt, kann es das Aus für die ganze Wiese bedeuten“, sagt Harnisch. Anders hierzulande, wo Land und Bund zeitweise das städtische Stromtalwiesenprojekt finanziell unterstützten. Dazu kamen Spenden, unter anderem vom Flughafenbetreiber Fraport, ohne die das Projekt nicht durchgängig hätte weitergeführt werden können, wie es auf der Homepage der Stadt heißt.

Ein Teil der Fläche ist in Landesbesitz, andere kaufte die Stad. Zwar hätten zunächst nicht alle Landwirte positiv darauf reagiert, Flächen für den Ackerbau zu verlieren, allerdings sei das Projekt darauf ausgelegt, mit den Landwirten zusammenzuarbeiten, sagt Harnisch. Diese dürften die Wiesen zweimal im Jahr mähen und das Heu als Viehfutter verwenden, Um Insekten Rückzugsgebiete zu geben, müssten jeweils fünf bis zehn Prozent der Wiesen stehenbleiben.

Welche Auswirkungen der vergangene Hitzesommer auf die Wiesen gehabt habe, könne man jetzt noch nicht absehen, sagt Harnisch. Bislang sei der Grundwasserpegel aber trotz der Wintermonate immer noch einen Meter zu niedrig.

Mitmachen

Kommunen, die ebenfalls Stromtalwiesen anlegen möchten, können über die Stadt Riedstadt Mahdgut dafür erhalten.

Koordiniert wird dies von Matthias Harnisch vom Grünflächenmanagement, Telefon 06158 / 181322 oder E-Mail: m.harnisch@riedstadt.de

Infos unter  riedstadt.de/stromtalwiesen.html.

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