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Kommissarischer Forstamtsleiter Klaus Velbecker erläutert die Lage.

Kreis Groß-Gerau

Alarm im Naturschutzgebiet Mönchbruch 

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Wegen der Wetterextreme sterben im Naturschutzgebiet Mönchbruch zwischen Mörfelden-Walldorf und Rüsselsheim die Bäume. Doch es gibt neue Ansätze der Waldwirtschaft.

Früher standen hier Douglasien, jetzt ist das fußballfeldgroße Areal kahl. „Vergangenen Herbst begannen die ersten Bäume rote Äste und rote Kronen zu entwickeln“, sagt Klaus Velbecker, kommissarischer Leiter des Forstamts Groß-Gerau.

Alle erkrankten Bäume wurden gefällt. Doch im März waren wieder Bäume betroffen und im Juni musste man den kompletten Bestand entnehmen. Diplodia – ein Pilz, der Nadelbäume befällt, hat hier zugeschlagen. Eine andere Stelle in Hessens zweitgrößtem Naturschutzgebiet, dem Mönchbruch bei Mörfelden-Walldorf, macht dem Forstwirt noch mehr Angst, wie er bei einer Führung am Dienstag sagt: „Junge Eichen sterben plätzeweise ab.“ Der ganze Wald sei „wie ein Schweizer Käse durchlöchert“. 30 Hektar Eichen seien bereits abgestorben.

Die 25 Jahre alten Stieleichen stehen mickrig, ohne nennenswertes Blattwerk auf der etwa fünf Hektar großen Fläche. Ihre Rinde ist porös und fällt ab. Dabei galten bisher Eichen, die 200 Jahre und älter werden können, als „klimastabil“, so Velbecker. Doch die Trockenheit mache sie anfällig für Pilze und Schädlinge wie den Borkenkäfer. Derzeit werde jede Woche ein neuer Pilz gefunden, sagt Velbecker. Mit dem bloßem Auge kann man die Pilze nicht sehen. Sie dringen über Rinde und Blattwerk in den Holzkörper ein.

Stark vom Absterben betroffen sind derzeit neben Douglasien und Eichen auch Buchen, Eschen und Kiefern. Der Sandboden in dem Gebiet im Kreis Groß-Gerau habe geringe Kapillarkräfte, erklärt Velbecker. Bereits in 1,50 Meter Tiefe sei der Untergrund extrem trocken. Dabei gilt der Mönchbruch als eines der letzten großen Feuchtgebiete Hessens. Doch die vergangenen Trockensommer haben dem Wald stark zugesetzt.

Naturschutzgebiet DerMönchbruch liegt wenige Kilometer südlich des Frankfurter Flughafens und ist mit 937 Hektar nach Kühkopf-Knoblochsaue (beide im Kreis Groß-Gerau) das zweitgrößte Naturschutzgebiet Hessen. Es wird von der B 486 durchquert und umfasst Flächen der Kommunen Rüsselsheim, Mörfelden-Walldorf und Nauheim.

Der Grundwasserspiegel ist hoch, Gräben, Sümpfe und Bruchwälder prägen Teilbereiche des Gebietes, weswegen es eines der letzten großen Feuchtgebiete in Hessen ist.

Ein Gutachten wies 1994 mehr als 540 verschiedene Pflanzenarten nach, darunter rund 60 vom Aussterben bedrohte Arten. cka

Velbecker, bei Hessenforst Bereichsleiter Produktion, zeichnet ein düsteres Bild: „Ein Drittel der Bäume wird sich verabschieden oder ist schon tot.“ Wenn es im kommenden Winter nicht deutlich feuchter und der nächste Sommer so trocken wie die vergangenen zwei werde, werde sich die Lage weiter verschlimmern. „Was momentan abläuft, hat noch keiner in dieser Schlagkraft und Intensität mitbekommen“, sagt Velbecker, der seit 30 Jahren im Forstbetrieb tätig ist.

Zwar hat das Land erst vor wenigen Tagen einen 12-Punkte-Plan zum Schutz der Wälder vorgestellt, der auch die Anpflanzung von 100 Millionen Bäumen vorsieht. Doch wie dies in der Praxis umgesetzt werden könnte, dazu fehlen bislang die Erkenntnisse. Im Herbst soll ein Expertengremium dazu tagen, sagt Nina Eisenhardt, Landtagsabgeordnete der Grünen aus dem Kreis Groß-Gerau. Sie hat sich vor Ort über den Zustand des Waldes informiert und ist sichtlich schockiert.

Diese Buchen sind tot.

„Uns fehlt es an Pflanzmaterial, Personal und Analysen“, sagt Velbecker. Trotzdem bleibt Hessenforst nicht tatenlos. Velbecker führt zu einer Stelle, wo in einer Reihe winzige Eichen sprießen. Sie wurden in Furchen ausgesät und haben den vergangenen Sommer gut überstanden. „Wir stellen jetzt auf Saaten um“, erklärt er. Die seien an den jeweiligen Standort besser angepasst. Bäume, die gepflanzt werden, hätten den Nachteil, dass ihre Wurzelballen beschnitten sind. Sie wurzeln in die Breite statt in die Tiefe. Auch schaue man zuerst, was auf Freiflächen von selbst wachse und pflanze nur bei Fehlstellungen um. So hoffe man, stabile Bestände erzeugen zu können. Indes sei man bei der Anpflanzung südländischer Gewächse, die mehr Trockenheit vertragen, vorsichtig, da viele nicht frosthart seien. Es gebe diesbezüglich großflächig noch keine Erfahrungen, so Velbecker.

Dafür wurde schon mit mobiler Bewässerung im Mönchbruch experimentiert. Doch der Aufwand ist zu groß. Insgesamt stehen nur 20 Mitarbeiter für die Pflege des Waldes im Bezirk Groß-Gerau zur Verfügung. Allein der Aufwand für Verkehrssicherungsarbeiten ist immens. Erst am 18. August waren durch Sturmschäden 25 000 Kubikmeter Holz angefallen. Das ist laut Velbecker so viel, wie sonst in drei bis fünf Jahren geerntet wird: „Für die Waldwirtschaft bedeutet der Klimawandel immense Verluste.“ Das Problem: Befallenes Holz kann nicht so vermarktet werden, wie gesundes. Es ist oft nicht nur von schlechter Qualität, sondern auch verfärbt.

Auch wenn manchem Spaziergänger heute noch nicht auffällt, wie es um den Wald steht. Velbecker ist überzeugt: „Es wird Veränderungen im Bestand geben – mehr tote Bäume und mehr Bereiche, die wegen Gefährdung durch herabstürzende Äste für die Öffentlichkeit gesperrt sind.“

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