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Kranke Phantasien und Drogenexzesse

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Von: Andreas Groth

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Der Angeklagte im Gericht. Die Aufnahme wurde beim Prozessauftakt im April gemacht.
Der Angeklagte im Gericht. Die Aufnahme wurde beim Prozessauftakt im April gemacht. © Fabian Sommer (dpa)

Johannas mutmaßlicher Mörder hat am dritten Prozesstag im Landgericht Gießen von seinem Werdegang berichtet. Die Schilderungen sind teilweise obskur und zeichnen ein kaputtes Leben.

Was Richter, Anwälte und Publikum am Mittwoch vom mutmaßlichen Mörder der acht Jahre alten Johanna Bohnacker zu hören bekamen, zeichnete das Bild einer in jeder Hinsicht gescheiterten Existenz. Umfassend berichtete der 42-jährige Rick J. im großen Saal des Landgerichts Gießen aus seinem Lebenslauf. Ein bis zuletzt massiver Konsum härterer Drogen, sexuelle Spiele, die bei den Zuhörern teilweise wahrnehmbar Ekel hervorriefen, und frühere Beziehungen bildeten den Kern der Aussagen, die sich über mehrere Stunden erstreckten.

LSD, Ecstasy und Speed schon zur Abiturzeit, Sexspiele mit Kot, die der Angeklagte als „Eigentherapie“ zu verkaufen versuchte, um durch einen negativen Reiz von seinen auf Teenager gerichteten Gewaltphantasien wegzukommen – das blieb bei vielen Zuhörern am dritten Verhandlungstag hängen. Von seiner Aussage von vor zwei Wochen, wonach der Tod des Mädchens ein Unfall gewesen sei, rückte J. am Mittwoch nicht ab. Zu einem sexuellen Missbrauch sei es vor bald 19 Jahren auch nicht gekommen. Er räumte allerdings ein, so etwas am Tattag vorgehabt zu haben. J. sagte gestern: „Es wäre nicht passiert, wenn es nicht unterbewusst schon dagewesen wäre.“

Die Staatsanwaltschaft will indes beweisen, dass er im September 1999 Johanna in Ranstadt in der Wetterau in sein Auto gezerrt, missbraucht und getötet habe. Ermittlungen in einem anderen Fall brachten die Polizei im vergangenen Jahr auf die Spur des Mannes.

Finanzielle Unterstützung vom Vater

Der Tod Johannas bildet den traurigen Höhepunkt eines Lebens, das fast nur Tiefen kennt. Nie gelang es dem in Bad Nauheim geborenen und im Karbener Stadtteil Petterweil aufgewachsenen Mann, beruflich Fuß zu fassen. Das im Herbst 1997 begonnene Studium der Biochemie in Frankfurt brach er nach dem Vordiplom, das er etwa drei Monate nach Johannas Tod bestand, ab. Wegen Drogendelikten und Fahrens ohne Führerschein musste J. seinerzeit einige Monate ins Gefängnis. Versuche, sich selbstständig zu machen, seien gescheitert. Sein Leben finanzierte er durch monatliche Geldbeträge, die er von seinem Vater erhielt.

2011, so erzählte es der kleingewachsene, untersetzte Mann, habe er die Verfügungsgewalt über das Erbe der Mutter in Höhe von ungefähr 130 000 Euro erhalten. Eine „ziemlich üble Online-Spielsucht“ habe aber dazu geführt, dass zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im Oktober 2017 davon nur noch wenig übrig gewesen sei. „Drogenkonsum und Computerspiele war mein gesamter Lebensinhalt“, sagte der 42-Jährige. Ein einmaliger Versuch, durch eine ambulante Therapie von den Betäubungsmittel loszukommen, scheiterte 2014. Lediglich das Kiffen habe er sich dadurch abgewöhnt. Mit den harten Drogen ging es weiter.

Immer wieder konfrontierte Richterin Regine Enders-Kunze J. mit Aufnahmen, die bei ihm sichergestellt wurden und Kinder zeigten. Die, so äußerte sich der Angeklagte mehrmals sinngemäß, hätten aber nichts mit dem Alter zu tun, sondern weil er irgendetwas Interessantes an dem Kind gefunden habe, es ihn beispielsweise an eine frühere Freundin erinnerte. Fortwährend erging sich J. in solchen Rechtfertigungen. Er sei häufig herumgefahren, um sich Mädchen anzuschauen, jedoch nie mit der Absicht, ihnen etwas anzutun. Am 2. September 1999 war das anders. Von Amphetaminen und Crystal Meth berauscht, brachte er Johanna in Ranstadt-Bobenhausen in seine Gewalt.

Nicht nur Enders-Kunze hatte Probleme, den obskuren Gedankengängen des Angeklagten zu folgen. „Sie stellen sich die Gedankenwelt einer nüchternen Person vor“, erklärte J. daraufhin seine damaligen Denk- und Handlungsweisen. Die sah der Angeklagte auch bei seiner „Eigentherapie“ gegen seine Phantasien, Mädchen Gewalt anzutun und sie zu missbrauchen, am Werk. „Ich habe versucht, das Ganze mit Schmerz und Ekel zu unterbinden.“ Er habe diese Gedanken mit dem Verzehr von Kot kombiniert, um ein Ekelgefühl zu erzeugen, das die Gedanken unterdrücke. Auf Filmaufnahmen, die die Polizei bei ihm fand, sieht das laut der Richterin anders aus. Es wirke eher motivierend. Zum wiederholten Mal blickte sie den Angeklagten verständnislos an. „Sie könnten sich auch Schmerz zufügen, indem Sie sich in den Arm ritzen.“

Schließlich sei auch kinderpornografisches Material 2002 und 2003 auf seinen Rechner gelangt. Er habe die entsprechenden Dateien „aus purer Neugier“ heruntergeladen, ohne deren Inhalt gesehen zu haben, sagte J. Teilweise habe es sich um „Fragmente“ gehandelt, die er nicht einmal habe abspielen können.

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