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Bettwanzen.

Bettwanzen

Krabbelnde Souvenirs

Bettwanzen sind in Deutschland auf dem Vormarsch. Sie kommen vor allem im Reisegepäck ins Land. Ein Frankfurter weiß davon ein Lied zu singen.

Von Jonas Göcke

Auf manche Mitbringsel aus dem Urlaub kann man gerne verzichten. Dazu gehören nicht nur Krankheiten, sondern auch Bettwanzen. Max Müller, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat nun schon zum zweiten Mal mit den den beißenden Plagegeistern zu tun. Vor einigen Jahren hatte ein befreundeter US-Amerikaner im Gepäck Bettwanzen in die Wohnung des Frankfurters eingeschleppt. Dreimal ließ Müller daraufhin den Kammerjäger kommen – ohne Erfolg. Völlig entnervt und 800 Euro ärmer gab Müller auf, entsorgte den Großteil seiner Möbel und zog in eine andere Wohnung: „Ein kompletter Neustart“, sagt er.

Und jetzt, einige Jahre später, hat er sich die Viecher wieder eingefangen. Sein Cousin aus Erfurt sei für einen Monat in der Stadt zu Besuch gewesen und habe die Bettwanzen bei seinen Eltern und Müller hinterlassen, erzählt er. Die Vermutung: Airbnb-Gäste des Cousins haben die Wanzen aus dem Ausland mitgebracht, und der hat sie weiter nach Frankfurt getragen. „Bettwanzen bringen einen hohen nervlichen, zeitlichen und finanziellen Aufwand mit sich“, sagt Müller: „Und vor allem wird man langsam paranoid.“ Plötzliche sehe und spüre man die Bettwanzen überall.

Bettwanzen sind papierdünne Tierchen, die sich vom menschlichen Blut ernähren. Dafür kommen sie nachts aus ihren Verstecken unter der Matratze, hinter dem Schrank oder aus der Steckdose hervor und beißen ihre Opfer. Durch den Einsatz von Insektiziden wie zum Beispiel DDT konnte die Zahl der Bettwanzen seit dem Zweiten Weltkrieg erheblich verringert werden. Aber Bettwanzen erleben in den letzten 20 Jahren eine Renaissance: „Seit den 90er Jahren nimmt die Zahl der Bettwanzen wieder zu“, sagt Arlette Vander Pan, Parasitologin im Umweltbundesamt. Australien und die USA seien so stark betroffen, dass manche bereits von einer Plage sprechen, weil es theoretisch jeden treffen könne. Aber auch in Deutschland seien Bettwanzen wieder auf dem Vormarsch. Deutschlandweite Zahlen gibt es leider nicht, da keine Meldepflicht für Bettwanzenfunde besteht.

Touristen- und Besucherzahlen entscheidend

Der Landesverband Berlin-Brandenburg des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes (DSV) veröffentlicht allerdings jährlich Zahlen zur Bekämpfung von Bettwanzen in seinem Einzugsbereich. Demnach gab es 2007 lediglich 210 Bekämpfungen, 2015 waren es etwa 1350. Dabei könne man die Zahlen gut und gerne auch verdoppeln, sagt Mario Heising, Vorsitzender des Landesverbandes, denn nur die Hälfte der Berliner Schädlingsbekämpfer sei im Verband organisiert. Er möchte die Zahlen nicht ohne Weiteres auf andere Städte übertragen. Vor allem sei nicht die Größe der Städte entscheidend, sondern vielmehr die Touristen- und Besucherzahlen. Vergleichsweise kleine Orte wie Weimar oder Heidelberg hätten wahrscheinlich ähnliche Probleme wie Berlin, vermutet Heising.

Auch Kammerjäger aus Frankfurt und Hessen bestätigen die steigende Tendenz. Der Darmstädter Schädlingsbekämpfer Björn Kleinlogel, Vorsitzender des Landesverbands Hessen des DSV, hat jede Woche ein bis zwei Einsätze gegen Bettwanzen. Vor 20 Jahren sei es einer pro Jahr gewesen, berichtet er. Kleinlogel erzählt von einem besonders beeindruckenden Einsatz. Vor einiger Zeit habe er ein befallenes Wohnmobil untersucht und dabei Hohlräume gefunden, die randvoll mit Bettwanzen gewesen seien. Auch ein Frankfurter Kollege, Bernd Kettler, bestätigt: „Wir haben an zehn Tagen im Monat Einsätze gegen Bettwanzen.“

Aber wie kommt es zu dieser Ausbreitung? Das hat nichts mit mangelnder Hygiene zu tun, sondern Bettwanzen reisen einfach gerne kreuz und quer durch das Land und über den Globus und sind außerdem weltweit verbreitet.

Globalisierung schuld

Die Expertin des Umweltbundesamtes, Vander Pan, nennt drei Gründe für die zunehmende Verbreitung von Bettwanzen. Zunächst sei die Globalisierung schuld: „Aufgrund dieser können Menschen in Länder reisen, in denen es Bettwanzen gibt, und bringen sie im Gepäck mit“, sagt Vander Pan.

Hinzu komme der nationale und internationale Handel mit Gebrauchtwaren, denn auch hier versteckten sich Bettwanzen. Die Tierchen reisen also als blinde Passagiere rund um die Welt.

Als Hauptursache für die derzeitige Entwicklung gelte die Bildung von Resistenzen, erklärt Vander Pan weiter. Durch die umfassende Bekämpfung mit Insektiziden würden diese nicht mehr gegen die Wanzen wirken. Dies gelte vor allem für Australien und die USA. Eine Lösung wäre, die genutzten Wirkstoffe häufiger zu wechseln, damit sich die Bettwanzen nicht an die Insektizide gewöhnen könnten.

Viele Menschen wüssten aber auch nicht genau Bescheid, was bei einem Befall mit Bettwanzen zu tun sei. Vander Pan gibt das Beispiel von Menschen, die befallene Möbel auf den Sperrmüll stellten, welche dann von anderen mitgenommen würden. Oder sie benutzten einen Mietwagen zur Entsorgung von Möbeln. Auch dabei können Bettwanzen im Auto zurückbleiben und verbreiteten sich auch innerhalb Deutschlands immer weiter.

Der betroffene Max Müller versucht unterdessen, seine Wohnung wieder bettwanzenfrei zu bekommen, und hat einen professionellen Kammerjäger bestellt. Er hofft, dass er dieses Mal um einen Umzug herumkommt und bald wieder ruhig schlafen kann.

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