Vor fünf Jahren wurde das Woolrec-Werk in Braunfels-Tiefenbach dichtgemacht.
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Vor fünf Jahren wurde das Woolrec-Werk in Braunfels-Tiefenbach dichtgemacht.

Woolrec

Kontrolle bei Woolrec mit fatalen Lücken

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Die Recycling-Firma Woolrec aus Braunfels-Tiefenbach (Lahn-Dill-Kreis) ist offenbar durch engmaschige Überprüfungen geschlüpft. Keine Anlage soll so überwacht worden sein wie diese.

Im Strafverfahren gegen den Gründer und einen Gutachter der früheren Recycling-Firma Woolrec aus Braunfels-Tiefenbach (Lahn-Dill-Kreis) vor dem Gießener Landgericht hat eine leitende Beamtin des Regierungspräsidiums (RP) Gießen ausgesagt, den Betrieb intensiv kontrolliert zu haben. „Keine Anlage in Mittelhessen ist so überwacht worden wie diese“, sagte Bettina O., die als Dezernatsleiterin seit 2006 für Woolrec zuständig war. Da bei Woolrec neue Verfahren angewendet wurden, sei die Kontrolle der Firma jahrelang ein Arbeitsschwerpunkt ihres Teams gewesen. Umso erschütterter sei sie bis heute, dass sich Woolrec offenbar nicht an die Regeln gehalten habe. Der Fall habe ihre Abteilung „in unseren Grundwerten erschüttert“.

Dem Gründer von Woolrec, Edwin F., und dem Gutachter Stefan G. wird unerlaubter Umgang mit Abfällen in mehr als 50 Fällen vorgeworfen. Woolrec hatte in Tiefenbach von 2003 bis 2013 krebserzeugende künstliche Mineralfasern mit Ton und Melasse vermengt und zu dem Stoff „Woolit“ verarbeitet, der beim Brennen von Ziegelsteinen benutzt wurde. Die Fasern fallen etwa in der Form von alten Dämmstoffen aus Häusern an und müssen eigentlich teuer entsorgt werden. Das RP Gießen hatte Woolrec mit einem entsprechenden Bescheid erlaubt, das Woolit nach einer bestimmten Rezeptur herzustellen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, ab 2007 vom genehmigten Rezept abgewichen zu sein. Stefan G. soll den Behörden fälschlicherweise bescheinigt haben, bei Woolrec werde korrekt produziert.

Bettina O. sagte vor Gericht aus, es habe nie eine genehmigte Veränderung an der Woolit-Rezeptur gegeben. Dass Woolrec sie offenbar dennoch geändert habe, nannte O. den „worst case“, denn ohne ausreichende Zugabe von Ton und Melasse könnten die gefährlichen Mineralfasern an die Luft gelangen. Bei korrekter Herstellung halte sie die Recycling-Idee von Woolrec aber nach wie vor für ein „abfallwirtschaftlich sinnvolles Verfahren“.

Die Eignung von Stefan G., der Professor an der Uni Gießen ist, als Gutachter für Woolrec habe sie nie hinterfragt, so die Zeugin. Es sei üblich, dass eine Firma einen Gutachter vorschlage, die Behörden prüften dessen Berichte lediglich. „Wie komme ich dazu, einem Professor der Universität Gießen zu misstrauen?“, fragte Bettina O. Bei der Qualitätssicherung habe sie sich im Großen und Ganzen auf die Angaben von Woolrec verlassen müssen. Aufgrund der vom damaligen CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch initiierten „Operation sichere Zukunft“ habe sie nur noch wenig Personal gehabt und sich auf ihre wichtigsten Aufgaben konzentrieren müssen.

Eine zweite Zeugin, damals ebenfalls Dezernatsleiterin im RP Gießen, sagte aus, zwischen 2000 und 2013 seien Mitarbeiter des RP mehr als 130 Mal unangekündigt bei Woolrec gewesen. Da die Anwohner in Tiefenbach sich teilweise täglich beim RP über Lärm oder unerlaubte Vorgänge bei Woolrec beschwert hätten, habe man dort häufig kontrollieren müssen. Die Vorwürfe hätten sich allerdings nie erhärten lassen – und trotz vieler Gutachten sei nie eine Gesundheitsgefährdung durch das Unternehmen bewiesen worden. Der Prozess wird fortgesetzt.

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