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Hans-Joachim Grochocki im Wahllokal in der Zeil 3.

Porträt der Woche

Grochocki ist total neutral

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Seit 40 Jahren organisiert Hans-Joachim Grochocki in Frankfurt Wahlen. Entscheidend sind für ihn: Ordnung, Loyalität und der Verzicht auf Wertungen aller Art.

In dem Treppenhaus, von dem ein kurzer Flur zu Hans-Joachim Grochockis Büro führt, ist viel los. Die Menschen, die dort an einem Schalter vorstellig werden, haben fast alle ihre Wahlbenachrichtigung in der Hand. Es sind noch wenige Tage bis zur Landtagswahl, und viele Frankfurterinnen und Frankfurter wollen nicht bis zum kommenden Sonntag warten, sondern bereits jetzt ihre Stimme abgeben. Im Bürgeramt mit der Adresse Zeil 3, in dem Hans-Joachim Grochocki sein Büro hat, können sie das tun. Offiziell machen sie dabei Briefwahl, wobei die Formulierung irreführend ist. Denn in der Zeil 3 wird gewählt wie sonntags in jedem anderen Wahllokal auch. Nur eben früher.

Zu Beginn des Gesprächs muss Grochocki erstmal ein Missverständnis ausräumen. Die FR nannte ihn einst den „Doyen unter den deutschen Wahlleitern“. Das stimme so nicht, sagt er. Wobei es nicht der Begriff „Doyen“ ist, der ihn stört. Wer seit 40 Jahren Wahlen organisiert, den darf man schon mal so nennen. Doch Wahlleiter war Grochocki nie. Diesen Posten hat in Frankfurt Regina Fehler inne. Grochocki leitet die Geschäftsstelle Wahlen. Wäre auch das geklärt.

Das Büro des 64-Jährigen, es ist tiptop aufgeräumt. Nirgendwo liegt ein Papier rum, das nicht genau dort seinen festen Platz hat. Der Schreibtisch ist fast komplett frei geräumt, Büroutensilien stehen im rechten Winkel zueinander, die Schränke sind allesamt verschlossen. Dieser Mann, das wird auf den ersten Blick klar, liebt Ordnung. Und dann öffnet er auf dem Computer eine seitenlange Tabelle, aus der hervorgeht, wie eine Wahl abzulaufen hat. Wann der Auftrag für den Druck der Stimmzettel herausgehen muss, an welchem Tag welcher Wahlausschuss zusammentritt.

Diese Struktur, dieses klar organisierte Vorgehen, das manche Menschen penibel nennen würden, sind mitverantwortlich dafür, dass Wahlen in Frankfurt seit jeher ohne Probleme verlaufen. Fast ohne Probleme. Von der einen oder anderen Panne wird noch zu reden sein, auch wenn Grochocki das nicht gerne tut. Doch der städtische Beamte ist niemand, der unangenehmen Fragen ausweicht.

Manchmal denkt man, Grochocki habe sein ganzes Berufsleben in Wahlen unterteilt. Knapp 50 hat er organisiert. Die erste war die Europawahl 1979, es war die erste Abstimmung über das Europäische Parlament überhaupt. Damals hätten die städtischen Mitarbeiter die Wahlbenachrichtigungen noch per Hand adressiert und im Übrigen auch selbst zugestellt. Das habe sich bei der Bundestagswahl 1980 geändert: „Damals wurden die Dateien erstmals auf Datenträgern erfasst.“

Und so redet er über seine ganze berufliche Laufbahn, die im kommenden Mai mit der Europawahl enden wird: der erste Bürgerentscheid, das erste Mal Kumulieren und Panaschieren bei der Kommunalwahl, jetzt die Abstimmung über die Verfassungsänderungen... Sogar in den kurzen Momenten, in denen das Gespräch ins Private führt, spricht Grochocki über Wahlen. Er habe viele Jahre einen Hund gehabt, mit dem sei er oft unterwegs gewesen. Dann starb der Hund – „vor der letzten Bundestagswahl“.

Grochocki, stets in Anzug mit Krawatte unterwegs, hat durchaus Witz. Wenn er etwa in seiner trockenen, komplett unaufgeregten Art über Beschwerden berichtet, die ihn erreichen. Vor der Kommunalwahl habe ihm ein älteres Ehepaar Musterstimmzettel der vergangenen Abstimmungen zum Stadtparlament zugeschickt. Allesamt in riesigen Formaten, denn seit kumuliert und panaschiert wird, ähneln die Stimmzettel bei der Wahl zum Römer Tapeten. Das Ehepaar teilte Grochocki jedenfalls mit, es habe an einer solchen Wahl kein Interesse mehr und wolle nicht abstimmen. „Wir haben den Leuten trotzdem eine Wahlbenachrichtigung zukommen lassen.“

Anschaulich kann Grochocki auch erklären, was seine Mitarbeiter und er machen, wenn gerade keine Wahl ansteht. Zum einen machten sich viele Menschen falsche Vorstellungen. Die Vorbereitungen für einen Urnengang müssten mindestens sechs Monate vor dem Wahltag beginnen. Und die Arbeit ende erst, wenn die Einspruchsfrist abgelaufen sei. Im Fall der Landtagswahl also Mitte November. Und auch zwischendrin wird Grochocki nicht langweilig. Sein Job ist es etwa auch, die Schöffen für die Gerichte auszuwählen.

Einen Fehler sollte man aber nicht machen: Man sollte nicht erwarten, dass sich Hans-Joachim Grochocki wertend über etwas äußert. „Neutralität“, betont er, „ist bei dieser Aufgabe sehr wichtig.“ Und so kommt man an gewissen Punkten in dem Gespräch nicht weiter. Was er vom Kumulieren und Panaschieren halte? „Das Wahlrecht sieht diese Möglichkeit vor.“ Wie er zur Neuordnung der Frankfurter Landtagswahlkreise stehe? „Das Gericht hat es so entschieden.“

Als die Frankfurter Rundschau vor dem Bürgerentscheid über die Zukunft der Rennbahn eine Podiumsdiskussion organisierte, baten ihn die Moderatoren vorbeizukommen und ein paar einführende Worte zu sprechen. Grochocki sollte unter anderem sagen, wie viele Anträge auf Briefwahl es bisher gebe. Freundlich, aber bestimmt lehnte er ab. Denn die Zahl der Wähler war beim Bürgerentscheid eine wichtige Größe, ging es doch um ein Quorum, das über Sieg und Niederlage der Turf-Freunde entschied. Sich in einen vollen Saal zu stellen und unter Jubel oder Buh-Rufen mitzuteilen, wie die Resonanz auf die Wahl ist, widerstrebte ihm.

Für Grochocki und sein Team war die letzte Zeit anstrengend. „Wir lassen Stress gar nicht erst aufkommen, eine gute Vorbereitung ist elementar wichtig“, sagt er zwar. Aber vier Wahlen in 13 Monaten gehen auch an ihm nicht spurlos vorbei. Erst die Bundestagswahl, jetzt die Landtagswahl (mit Abstimmungen zur Verfassungsreform), dazwischen die OB-Wahl und die Stichwahl um das Amt des Stadtoberhaupts.

Fehler bei OB-Wahl

Bei der Wiederwahl von Peter Feldmann als Oberbürgermeister passierten plötzlich Fehler. Im ersten Wahlgang wurde den ganzen Tag über eine unglaublich hohe Wahlbeteiligung vermeldet. Später stellte sich heraus, dass Vergleichszahlen nicht gestimmt hatten. Und vor der Stichwahl gab es Probleme mit Briefwahlunterlagen. Manche Wähler bekamen doppelt Post vom Wahlamt.

Hans-Joachim Grochocki ärgern solche Pannen. Zwar betont er, niemand habe unbemerkt doppelt abstimmen können, die Wahl sei komplett regulär abgelaufen. Damit hat er seine eigentliche Aufgabe erfüllt. Dennoch, die kritischen Fragen damals, die Häme einzelner Bürger, das hat an ihm genagt. Und trotzdem ist Grochocki weiterhin absolut loyal. Auf die Frage, wer seinerzeit eigentlich Mist gebaut habe, schaut er den Journalisten wenig verständnisvoll an. „Ich werde ganz sicher keine Schuldzuweisungen vornehmen“, sagt er.

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