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Im Hessischen Landtag 1955: vorne von links Arno Hennig (SPD), Gotthard Franke (BHE) und Gustav Hacker (BHE), dahinter Christian Wittrock (SPD), Friedrich Reuss (SPD) und Tassilo Tröscher (SPD).

Landtag

Das kollektive Schweigen in Hessen

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Im Umgang mit belasteten Politikern galten in der Nachkriegszeit kollektive Tabus. Die Historikerin Sabine Schneider hat die Geschichte aufgearbeitet. Ein Auszug aus ihrem aktuellen Buch „Belastete Demokraten“.

Das kollektive Schweigen der Nachkriegsgesellschaft über die NS-Zeit schloss auch die persönlichen Biographien bekannter, im öffentlichen Leben stehender Personen ein. Die meisten NS-belasteten Politiker blieben somit von einer Thematisierung ihrer Vergangenheit in den Medien verschont. Auch Bürger griffen eine mögliche NS-Vergangenheit einzelner Politiker in Leser- und Beschwerdebriefen nur selten auf. Die Fälle, in denen sich die in dieser Studie untersuchten Abgeordneten öffentlicher Kritik aufgrund ihrer NS-Vergangenheit ausgesetzt sahen, sind daher überschaubar.

Ziel wiederholter Attacken war insbesondere Frank Seiboth, der als Bundesvorsitzender seiner Partei (der Gesamtdeutschen Partei GDP, Red.) eher im Rampenlicht stand als andere Personen der Untersuchungsgruppe. Kritisch berichtete vor allem „Der Spiegel“ über die Vertriebenenpolitik des BHE und der GDP sowie der Verbände. Darunter fanden sich immer wieder Kommentare zu Seiboth, der in den fünfziger und sechziger Jahren eine der Führungsfiguren der Vertriebenen war. So seien die größtenteils dem Witikobund angehörenden BHE-Politiker „National-Soziale“ und „ehemalige Getreue Konrad Henleins“. Zu Seiboths Person heißt es im Zusammenhang mit der Fusionierung von DP und BHE: „Einer davon, bullig, spitzbärtig, umgänglich, der bekehrte ehemalige Gauschulungsleiter Frank Seiboth, rückte neben dem schneidigen DP-Führer Herbert Schneider an die Spitze der neuen Notgemeinschaft […]“ .

Mit einer gewissen Portion Sarkasmus hatte „Der Spiegel“ schon 1961 Seiboths Stellungnahme zu seiner eigenen Vergangenheit aufs Korn genommen. Dieser habe sich bis 1945 „freudig zu Hitler bekannt“, bagatellisiere nun aber Vorwürfe, ein „Vollstrecker nationalsozialistischer Gewaltpolitik“ gewesen zu sein, mit dem Argument, er sei nur ein „Zufalls-Nationalsozialist“ gewesen.

Kritisiert wurden Seiboths nationalistische Reden auch im „Deutschen Kurier“. Die Parteizeitung der FDP teilte grundsätzlich ähnliche Ansichten, doch fürchtete man bei den Liberalen wohl die Konkurrenz der neu gegründeten GDP. Ein Seitenhieb auf Seiboth, der aufgrund seiner nationalistischen Töne wohl ein noch immer nicht geheilter Fanatiker sei, konnte mit Blick auf den anstehenden Bundestagswahlkampf 1961 nicht schaden. In einem weiteren Zeitungsartikel wurde Seiboth dafür verspottet, er sei in der Sprache der zwanziger und dreißiger Jahre stecken geblieben, womit er heute keine Stimmen mehr fangen könne.

Sabine Schneider: Belastete Demokraten. Marburg 2019 (Historische Kommission für Hessen), 560 Seiten, 35 Euro.

Auch der Journalist Walter Brand, der für FR und FNP schrieb, stellte Seiboth 1960 in ein negatives Licht. Dieser intrigiere in der eigenen Partei gegen Gotthard Franke, auf dessen Ministersessel er es abgesehen habe. Gleichzeitig versuche er mit der SPD anzubändeln, obwohl er seine Vorliebe für die Sozialdemokraten erst kürzlich entdeckt habe. 1954 sei er noch ein „eingeschworener Gegner“ der Koalition gewesen. Einen Wechsel im Wirtschafts- und Verkehrsministerium sehe man in der SPD ambivalent. Einerseits wäre Seiboth „gewandter und ideenreicher“ als Franke, andererseits sei er durch seine „aktive NS-Betätigung“ belasteter und politisch unzuverlässiger. Dass Seiboth seine Tätigkeit für (den hochrangigen NS-Funktionär, Red.) Karl-Hermann Frank mit „sozialpolitischer Betreuung der tschechischen Arbeiterschaft“ im Handbuch des Landtags umschrieb, nannte Brand „schamhaft “.

Konträr dazu berichtete die rechte Vertriebenenpresse, also Zeitungen wie die „Sudetenpost“ oder der „Wegweiser für Heimatvertriebene“. Beispielsweise wurden die Angeklagten in Berichten über den sogenannten Abgeordnetenprozess in Prag 1946 – darunter auch Gustav Hacker – als Helden verehrt, die im „besten Glauben“ für ihr Volk gekämpft hätten, aber betrogen worden seien. Hackers Biographie wurde auch von seinem Parteifreund Heinz Kreutzmann beschönigt, als ihm zum 65. Geburtstag ein Orden verliehen werden sollte. So habe der hessische Landwirtschaftsminister vor dem Krieg jahrelang vergeblich „erbitterten Widerstand“ gegen Henlein geleistet. Seine vierjährige Haftstrafe sei in der „aufgewühlten Atmosphäre“ der Nachkriegszeit einem Freispruch gleichzusetzen.

Die anderen Politiker der Untersuchungsgruppe sahen sich keinen persönlichen Angriffen aus der Öffentlichkeit und ungewollten Presseberichten über ihre NS-Vergangenheit ausgesetzt. Üblicherweise wurde die Biographie eines Politikers zu besonderen Anlässen in die Öffentlichkeit getragen, beispielsweise zu einem runden Geburtstag, Dienstjubiläen, zum Ausscheiden aus der aktiven Politik, zur Verleihung eines Ehrentitels oder zum Tod. Die meisten solcher in der Presse veröffentlichten Lebensläufe ließen taktvoll die NS-Vergangenheit außen vor, erwähnten nur unverfängliche Tätigkeiten oder verzichteten auf eine Zeitangabe, um den NS-Bezug zu umgehen.

Kohls, Rodemers und Schneiders Vergangenheit wurde mitunter zwar recht vollständig in der Presse dargestellt, allerdings geschah dies wohl mit ihrem Einverständnis. Doch selbst in diesen Fällen wurde ein Tabu nie gebrochen: Die Nennung von Mitgliedschaften in NS-Organisationen. Tätigkeiten und Ämter in der NS-Zeit waren für die FDP-Politiker offenbar nichts, das man hätte verschweigen müssen. Kohls freiwillige Meldung zur Wehrmacht, das Oberbürgermeisteramt Ludwig Schneiders und der Einsatz Rodemers als Propagandaoffizier waren der Öffentlichkeit bekannt. Unerwähnt blieben aber auch im Fall der FDP-Politiker die Partei-mitgliedschaft sowie der Beitritt zu SS oder SA. Im Fall von Hermann Krause wurde die NS-Vergangenheit meist vollständig verschwiegen und nur seine Verdienste als Bürgermeister Hanaus herausgestellt. In einem Zeitungsartikel zu seinem 75. Geburtstag wurde der Eindruck erweckt, Krause habe sich nach seinem Studium bewusst gegen eine Stelle in der staatlichen Verwaltung entschieden, um nicht für das NS-Regime arbeiten zu müssen. Die Evangelische Kirche schien dagegen ein unideologischer, unbelasteter Arbeitgeber gewesen zu sein.

Belastete Demokraten: NSDAP-Vergangenheit hessischer Parlamentarier erforscht

Nur sehr knapp äußerte sich die Presse auch anlässlich des Abschieds Ernst Holtzmanns aus der Politik. Es wurde lediglich angedeutet, dass er während der NS-Zeit dem Vorstand des Darmstädter Bauvereins angehörte. Einige Jahre zuvor, zu seinem 60. Geburtstag, wurde die NS-Zeit über-haupt nicht erwähnt. Generell war der Umgang der Öffentlichkeit mit der NS-Belastung von Politikern zurückhaltend. Diese aufgrund ihrer Vergangenheit zu kritisieren oder gar Details wie Mitgliedschaften in NS-Organisationen publik zu machen, war eines der Tabus im gesamtgesellschaftlichen Verhältnis zum Nationalsozialismus.

Bürger und Medien wussten zwar in vielen Fällen – das gilt besonders für die schwerer Belasteten – um die biographischen Hintergründe der gewählten Volksvertreter. Doch nicht nur Politiker waren belastet. Auch mancher Journalist wollte seine eigene NS-Vergangenheit sicher nicht veröffentlicht wissen. Und nicht einmal die gegen überkommene autoritäre Strukturen, Faschismus und ehemalige Nationalsozialisten in hohen Ämtern demonstrierenden Studenten der sechziger und siebziger Jahre recherchierten im ein oder anderen Fall genauer nach.

Anschuldigungen aus dem Osten, dass ein westdeutscher Politiker unter dem NS-Regime diese oder jene hohe Position innegehabt, sich in der einen oder anderen Weise im Sinne des Nationalsozialismus geäußert oder verhalten habe, wurden in der antikommunistischen Bundesrepublik als Propaganda abgetan. Erst mit deutlich größerem zeitlichen Abstand rückten die bis dahin weitgehend verschwiegenen Teile der Biographien vor 1945 ins Blickfeld der Öffentlichkeit und Wissenschaft.

Sabine Schneider ist Historikerin aus Marburg. Der Text ist ein Auszug aus ihrem Buch „Belastete Demokraten“.

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