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Das Kloster in der Nazizeit: eine Weinkutsche mit Hakenkreuzen.

Hessen

Kloster Eberbach in der Nazizeit

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Sebastian Koch erforschte die Ereignisse in Eberbach von 1933 bis 1945. Dort war Himmler zu Gast. Aber der Historiker kommt zu differenzierten Ergebnissen.

Einer der führenden Nazis hat seinen Namen im Gästebuch von Kloster Eberbach hinterlassen: Heinrich Himmler, der den Titel „Reichsführer SS“ führte, besuchte das Kloster im Rheingau am 12. Dezember 1936.

War die Klosterdomäne mit ihrem langjährigen Leiter Rudolf Gareis ein Hort der Nationalsozialisten? Keineswegs, urteilt der Historiker Sebastian Koch. Er hat die Geschichte des Klosters in der Zeit von 1933 bis 1945 im Auftrag der Stiftung Kloster Eberbach umfassend untersucht.

Himmler, der Kloster Eberbach in eine SS-Ordensschule umwandeln wollte, sei von Gareis „offenbar recht kühl empfangen“ worden, berichtet Koch. Der führende Nazi sei bereits von Parteigenossen „auf die Quertreibereien des Weinbaudirektors Gareis aufmerksam“ gemacht worden. „Von Gareis ist bekannt, dass seine Aufnahme in die NSDAP 1933 wegen politischer Unzuverlässigkeit abgelehnt wurde“, hieß es in dem Vermerk, den der Historiker zitiert.

Kloster mit Tarnanstrich zur Kriegszeit.

Am Freitag präsentierte die Stiftung die Studie „Kloster Eberbach im Nationalsozialismus“. Damit werde eine „Lücke der Geschichtsforschung“ geschlossen, sagte der Stiftungsvorsitzende Martin Blach. Am Montag, 16. September, wird das Buch ab 19.30 Uhr in einer öffentlichen Veranstaltung im Kloster vorgestellt. Der Eintritt ist frei.

Die Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung, Umweltministerin Priska Hinz (Grüne), nannte das Buch „einen wichtigen, zivilgesellschaftlichen Beitrag für ein friedliches Europa“. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) schreibt in seinem Grußwort: „Zu wissen, was 1933 bis 1945 geschah und warum es geschah, lässt den Wert von Freiheit und Mitmenschlichkeit, von Demokratie und Recht klar hervortreten.“

Treffen von Umstürzlern

Der Autor Sebastian Koch arbeitet heraus, dass sich auch Widerständler gegen das Nazi-Regime in Eberbach trafen. So hätten sich im November 1939 die Militärs Vincenz Müller und Henning von Tresckow im Rheingau-Kloster getroffen, die einen „weit fortgeschrittenen“ Umsturzplan verfolgten, der nie ausgeführt wurde. Zu der Gruppe zählte Wilhelm Ritter von Leeb, ein Verwandter des Weinbaudirektors Gareis. „Möglicherweise war Kloster Eberbach von ihm als ,sicher‘ empfohlen worden“, schreibt Koch.

Die Historiker wendet sich auch Verbindungen des Klosters zum nahe gelegenen Eichberg zu, wo behinderte Kinder von den Nazis systematisch getötet wurden. Außerdem befasst er sich mit der Geschichte der jüdischen Weinhändler im Rheingau, die ebenfalls kaum erforscht sei. Das Kloster mit seiner Weinproduktion war eng mit den Händlern verbunden.

So berichtet Koch von den jüdischen Weinhändlern Arthur und Otto Hallgarten in Mittelheim. Sie seien 1933 nachts aus dem Haus gezerrt und „in der Nähe des Marcobrunnens an die Wand gestellt und beschossen“ worden, berichtet Koch. Sie hielten bis 1938 durch. Dann konnten die Hallgartens fliehen.

Chronologie

1135 wurde Kloster Eberbach von Zisterziensern gegründet. 1803 wurde das Kloster säkularisiert. Es diente danach unter anderem als Strafanstalt, „Irrenanstalt“, Lazarett und Viehstallung. Die Geschichte von 1933 bis 1945 war bisher wenig erforscht. Das ändert sich durch die jüngste Publikation. 1946 ging das Kloster in den Besitz des Landes Hessen über, unter Verwaltung der Hessischen Staatsweingüter. 1985 war Kloster Eberbach Drehort für die Innenaufnahmen zum Film „Der Name der Rose“. Seit 1986 wird die Anlage einer Generalsanierung unterzogen

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