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Psychiatrie in Hessen

Kranke Psychatrie

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Psychiatrie in Hessen: Zu eng, zu wenige Pfleger, zu viele Medikamente.

Zu viele Psychopharmaka, zu wenig Personal, gesetzliche Vorgaben, die nicht erfüllt werden: Wer mit einstigen Patienten und ihren Angehörigen spricht, bekommt eine Ahnung davon, wie weit Deutschland noch von einer modernen Psychiatrie entfernt ist. Wobei sich nicht alle Kliniken über einen Kamm scheren lassen, wie ein Mitglied der Frankfurter Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker betont. Zum Schutz ihres Angehörigen will sie anonym bleiben. Die Einstellung der Klinikleitung und des Chefarztes sei entscheidend dafür, wie mit Patienten umgegangen wird: „Es kommt auf den Geist an, der vorherrscht.“

In der Akutstation des Klinikums Frankfurt-Höchst scheint der Geist nicht so gut zu sein. Das legt die TV-Reportage des Teams Wallraff nahe. Sie hat das Interesse von Öffentlichkeit und Politik auf die Psychiatrie gelenkt. Auch der Frankfurter Angehörigen und dem Vorstand des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrene sind Klagen über Höchst zu Ohren gekommen. Ihnen ist wichtig, die Aufmerksamkeit dafür zu nutzen, die Öffentlichkeit auf generelle Defizite in der Versorgung seelisch Kranker hinzuweisen. Denn da liege vieles im Argen.

Höchst sei kein Einzelfall. „Die in dem Film gezeigten Missstände sind unserer Meinung nach zum Teil Auswirkungen struktureller Mängel und als Folge davon einer Überforderung der Mitarbeitenden“, sagen die Vertreter der Angehörigen-Selbsthilfegruppe. Die Stationen seien zu groß, zu viele Kranke auf engem Raum untergebracht. Die Personalausstattung in Kliniken sei veraltet und völlig überholt.

Die von den Krankenkassen vorgeschriebenen kürzeren Liegezeiten führten zu häufigen Wechseln. „Auf die Akutstationen kommen mehr Patienten unter massivem Drogeneinfluss, dadurch steigt die Aggressivität.“ Psychiatrische Abteilungen großer Kliniken müssten oft „profitabel“ arbeiten, um defizitäre somatische klinische Abteilungen mit modernen Geräten querzufinanzieren.

Betroffene sagen, in Hessen gebe es einen Reformstau

Was außerdem fehle, sei ein Netz ambulanter Behandlungsangebote, das Patienten nach der Entlassung auffange, sagt die Angehörige. „Die Kliniken arbeiten nicht mit den Niedergelassenen zusammen.“ Auch wäre so manche Einweisung vermeidbar, wenn der Zugang zu Psychiatern und Psychotherapeuten einfacher wäre. Laut Psychotherapeutenkammer liegt die durchschnittliche Wartezeit auf eine Therapie in Hessen bei 15 Wochen.

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„Pflegemangel, die Ausbildung ist teilweise nicht gut, beim Medikamentenzwang hat sich noch nicht grundlegend viel geändert“ – das sind die Stichworte, die Charlotte Zahn spontan einfallen. Die Bad Homburgerin ist Vorstandsmitglied des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrene. Gerade junge Kranke, sagt sie, würden viel zu schnell mit Spritzen ruhiggestellt. Und wenn Patienten beobachtet werden müssten, sei es besser, deren Betten stünden dazu im Flur als fernab anderer Menschen in einem isolierten Raum. Mit-Vorstandsmitglied Alexander Kummer rückt ebenfalls das in dem Wallraff-Report gezeichnete Bild etwas zurecht. Bei einer Akutstation sei es nichts Ungewöhnliches, dass Leute dürftig bekleidet oder brüllend herumlaufen: „Die Alternative wäre: fixieren.“ Kummer hat 28 Jahre Psychiatrieerfahrung. Er will nicht anklagen, sondern dass die Verhältnisse sich verbessern. Ein bisschen mehr Personal, keine lebenslange Medikation, Fixierung nur als allerletztes Mittel. Da wäre vielen schon geholfen.

„Wir wollen die Psychiatrie verändern, nicht abschaffen“, sagt der Wiesbadener. Vitos Rheingau gehe mit gutem Beispiel voran. Patienten der Akutstation haben dort das Recht, einen Vertreter des Landesverbands der Psychiatrie-Erfahrenen zu sich zu bestellen. Leider nutzten nicht alle in den Vitos-Kliniken diese Möglichkeit, sagt Kummer. Die im neuen hessischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz verankerte Besuchskommission lehnt er ab. Wer einmal im Jahr eine Klinik besuche, und das auch noch mit mehrtägiger Voranmeldung, können sich kein Bild von der Realität machen. „Das ist ein Witz. Was soll das bringen?“

Es gibt sie auch nicht, die Besuchskommission, die das vor eineinhalb Jahren in Kraft getretene Gesetz vorschreibt. In den ersten zwei Jahren soll sie mindestens ein Mal pro Jahr alle psychiatrischen Krankenhäuser aufsuchen, in denen Menschen nach diesem Gesetz untergebracht werden, danach mindestens alle drei Jahre – immer mit Voranmeldung. Wie zu hören ist, finden sich nicht genug Interessenten für eine Mitarbeit in der Kommission, die aus Professionellen wie betroffenen Laien bestehen sollte. Auch mit der Umsetzung des Bundesgerichtsurteils zur Fixierung vom Juli 2018 geht es in Hessen nicht voran. Demnach bedarf es dafür einer richterlichen Anordnung und einer Eins-zu-eins-Betreuung durch qualifiziertes Pflegepersonal. Das soll die Gefahr bannen, durch die Fixierung weiteren psychischen Schaden, insbesondere Traumatisierungen, zu erleiden. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau haben viele hessische Klinikdirektoren dem Sozialministerium zu verstehen gegeben, dass sie die Auflagen mit dem vorhandenen Personal und den räumlichen Möglichkeiten nicht erfüllen können.

„Es gibt in Hessen bezüglich der Kliniken einen großen Reformstau“, sagt Andreas Jung. Der ehemalige Psychiatriepatient ist Mitglied des Psychiatriebeirats des Landes und Mitbegründer des Vereins Ex-In in Hessen, der Psychiatrie-Erfahrene zu sogenannten Genesungsbegleitern ausbildet, die dann in der psychiatrischen Versorgung arbeiten. „Wir müssen zu einer Veränderung der Landschaft kommen“, fordert Jung und verweist auf andere europäische Länder, die wesentlich weiter sind.

Dazu gehören für den Marburger unter anderem regelmäßige Fortbildung des Personals, eine neutrale Psychiatriebeschwerdestelle und dass die Kliniken regelmäßig die Zahlen ihrer Zwangsbehandlungen offenlegen: „Daraus lässt sich eine Haltung ablesen, und das ist sehr öffentlichkeitswirksam.“

Klinikum Höchst - Reportage mit Folgen

Für die RTL-Sendung „Team Wallraff undercover“ hatte eine Reporterin als Praktikantin in der Akutstation der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst heimlich gefilmt.

Der Bericht zeigt mangelhafte medizinische Betreuung, häufige und lange Fixierungen von Patienten, ruppiges und genervtes Personal. Es ist laut und schmutzig, die Stimmung ist aggressiv.

Das Klinikum kritisierte die „ausschnittsweise Betrachtung“. Die Darstellung der Arbeit auf der Station sei „stark verkürzt“ und „aus den Zusammenhängen gerissen“.

Die Fachaufsicht obliegt Sozialminister Kai Klose (Grüne). Am heutigen Donnerstag will er in Wiesbaden mit Vertretern der Stadt Frankfurt und des Klinikums dazu Stellung nehmen.

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