+
Der passionierte Obstbauer Andreas Schneider muss sich dieses Jahr über jeden einzelnen Apfel freuen, der trotz des späten Frosts schön groß und reif geworden ist.

Apfelbauern in Hessen

Klein- und Mittelbetriebe vor der Existenzfrage

  • schließen

Die absehbar schlechte Obsternte bereitet Apfelbauern und Kelterern in Hessen erhebliche Sorgen.

Die Faszination und Begeisterung stehen dem Obstbauern und Kelterer nach 24 Jahren Berufserfahrung noch immer ins Gesicht geschrieben, wenn er von seinen Obstplantagen und dem Frankfurter Volksgetränk spricht. „Wir keltern normalerweise bis zu 50 verschiedene Sorten Apfelwein jedes Jahr. Zwei Drittel davon sind sortenrein“, erklärt Andreas Schneider. Auf dem Tresen seines Hofladens stehen ein halbes Dutzend Flaschen aufgereiht. Der Wein aus der Apfelsorte Ananasrenette ist leicht und sommerlich, während der Boskop-Wein die herbe Seite des „Ebbelwei“ zeigt.

250 verschiedene Obstsorten baut er auf dem Bio-Hof am Nieder-Erlenbacher Steinberg an. Über jeden Baum und jede Frucht weiß er etwas zu erzählen, wenn er Gäste über seine Plantagen führt. Einen außergewöhnlichen Anblick bieten die Apfelwiesen in diesem Jahr. Die ersten Baumreihen hängen voll mit Früchten, doch Schneider berichtet von 80 Prozent Ernteausfall. Ein paar Meter talwärts verlieren sich die einzelnen Äpfel aber tatsächlich im üppigen Grün der Bäume. „Es sieht mager aus. Auf einigen Wiesen wird es keinen einzigen Apfel geben“, kommentiert Schneider.

Mit diesem Problem steht der erfahrene Obstbauer nicht allein. Der Deutsche Bauernverband erwartet bei der Apfelernte bundesweit eine Einbuße von 46 Prozent im Vergleich zu 2016. Schuld daran ist der späte Frost im April, der viele Apfelblüten zerstört hat. „Für Hessen wird der Verlust etwas geringer sein“, vermutet der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstbau, Willi Muth. Trotzdem sei der Ertrag so niedrig, dass 2017 zur Existenzprobe für kleine und mittlere Betriebe werden könnte. „Vor allem für diejenigen, die im letzten Jahr schon Pech mit Hagel hatte.“

Schneider steht auf einer Streuobstwiese. Er pflückt einen braunen, schrumpeligen Apfel und erklärt: „Das war der Hagel, da kann man noch den Einschlag sehen. Da fangen die Früchte dann natürlich an zu faulen. Das ist eine weitere Ertragseinbuße.“

Zu den dauerhaften Pechvögeln muss Schneider sich aber nicht zählen. 2016 hat er eine sehr gute Ernte eingefahren. In der hauseigenen Kelterei wurden da knapp 100 000 Liter Apfelsaft verarbeitet. Davon ist der Obstbauer dieses Jahr weit entfernt. Er rechnet mit höchstens 20 000 Litern, und schon dafür muss er Äpfel zukaufen. Seit dem Frost im April ist er auf der Jagd: „Wer am besten zahlt, kriegt die besten Ebbel. So wird das Spiel laufen dieses Jahr.“ Langjährige Kontakte zu Stammlieferanten helfen unter den extremen Bedingungen in diesem Jahr kaum.

Es konkurrieren vor allem die kleinen Keltereien um das Kernobst und sind gezwungen, die steigenden Preise zu bezahlen. Für Obst in Bio-Qualität seien die aktuell auf das Drei- bis Fünffache gestiegen, berichtet Schneider.

Auch in der Sachsenhäuser Apfelweinwirtschaft Zur Buchscheer dreht sich zurzeit alles um die Äpfel für die hauseigene Kelterei. „Ich zahle 40 bis 50 Prozent mehr für die Äpfel. Das ist absolut außergewöhnlich. Das ist jetzt meine 26. Keltersaison, und es ist mit Abstand die schwierigste“, erzählt der alteingesessene Ebbelwei-Wirt Robert Theobald, „aber der Schoppenpreis bleibt. Das werden die Gäste nicht merken.“

Martin Henke von der Großkelterei Possmann hingegen zeigt sich unbeeindruckt: „Wir haben zwei gute Jahre hinter uns. Das hilft demjenigen, der lagern kann. Possmann hat ein großes Lager, sodass eine schlechte Ernte ausgeglichen werden kann.“

Große Lagerhallen sind auf dem Obsthof am Steinberg nicht zu finden. Andreas Schneider beendet seine Führung durch die Apfel-Welt im kleinen Hofladen. Da bestellt gerade ein Kunde „eine Flasche Ebbelwei“. Das ist jetzt noch kein Problem. Ein Engpass sei höchstens nächstes Jahr zu befürchten, wenn die Vorräte von 2016 und der Wein von 2017 ausgetrunken sind, bevor der Nachschub trinkfertig ist.

Die finanziellen Einbußen, die die Missernte 2017 mit sich bringt, stellen Schneider wie viele andere Obstbauern vor eine Mammutaufgabe. Insbesondere weil es auch bei vielen anderen Obstsorten auf dem Bio-Hof erhebliche Frostschäden gab. Mit neuen Veranstaltungsangeboten versucht Schneider nun, zu verhindern, dass aus der Obst-Misere eine finanzielle wird.

Das hessische Ministerium für Umweltschutz, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz verweist in diesem Zusammenhang auf die Eigenverantwortung von Bauern, die wie Schneider Obst anbauen. Witterungsrisiken seien „insbesondere bei empfindlichen Kulturen wie Obst oder Spargel systemimmanent. Die Entscheidung über den Anbau dieser Kulturen ist ebenso Bestandteil des unternehmerischen Risikomanagements wie der Abschluss entsprechender Versicherungen“, heißt es gegenüber der Frankfurter Rundschau. Für solche Fälle gebe es Beratungsangebote des Landesbetriebes für Landwirtschaft Hessen.

Ob es Andreas Schneider mit dieser Unterstützung durch das Land gelingen könnte, seinen Betrieb ohne die verschiedenen Nebeneinkünfte zu erhalten, bleibt dahingestellt. Bei allem Sorgen und Bangen kann der Obstbauer der Missernte in diesem Jahr trotzdem etwas Gutes abgewinnen: „Das ist nur eine Prognose, aber ich glaube, dass der Apfelwein-Jahrgang 2017 mehr Zucker mitbringen wird. Das passiert von Natur aus, weil relativ wenig Früchte hängen. Dann wird der ganze Zucker in die wenigen Früchte eingelagert. So werden die ganz gehaltvoll, und das heißt auch, der Schoppen wird mehr Alkohol haben im nächsten Jahr.“

Es gibt also sogar in diesem mageren Apfel-Jahr gute Nachrichten für die Ebbelwei-Liebhaber.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare